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Förster Rombachs "heile Welt"?

Grundsätzliche Gedanken zur Zukunft von Jagd und Weidwerk
von Rolf Adler

Jagd wird Bestand haben, solange die Gesellschaft in ihr einen sinnvollen Beitrag sieht. Solange die Gesellschaft nicht darauf drängt, Weidwerk und Jagd einzugrenzen oder abzuschaffen, wird sie politisch geschützt sein. Allenfalls einzelne Politiker(innen) oder Lobbyisten werden unter solchen Bedingungen in der Jagd die Möglichkeit erkennen, sich zu profilieren und öffentlichkeitswirksame Eingriffe oder gar Angriffe versuchen.

Ist die Jagd im gesellschaftlichen Werte- und Normenkonsens verankert, dann hat sie auch Anteil an Krisen und Umbrüchen, die sich im Bereich gesellschaftlicher Werte und Normen vollziehen. Zum ausgehenden 20. Jahrhundert steckt die abendländische Welt in einem tief greifenden Diskussion- und Wandlungsprozess, von dem man annehmen darf, dass er zu Konsequenzen im Werte- und Normenverhalten der Menschen führen wird. Dieser Diskussionsprozess ist nicht freiwillig von einigen wenigen begonnen worden, sondern er hat sich entzündet an der immer mehr um sich greifenden Erkenntnis, dass die Handlungsmuster, die dem mitteleuropäischen Bereich seit Jahrzehnten Wohlstand und relativen Frieden beschert haben, nicht unbedingt die richtigen Handlungsmuster für die gegenwärtigen und kommenden Herausforderungen sein müssen. Aus der Sicht der Jagd ist jener Bereich dieser umfassenden Diskussion interessant, der er sich um die Schaffung eines internationalen, d.h. weltumspannenden ökologischen Handlungsrahmens bemüht. Über einen solchen neu vereinbarten Handlungsrahmen soll der Nachwelt die Chance eröffnet werden, unter ökologisch akzeptablen Bedingungen zu leben. Maßstab und Ziel solcher Verpflichtung zu ökologischem Handeln wird dabei das sein, was wir im allgemeinen als Natur oder natürlichen Leben bezeichnen. Solche Ursprünglichkeit, die den Menschen nicht unter eine Glaskuppel setzt, wo er gerade so überleben kann, ist eine wesentliche Orientierung in dieser Diskussion und eine vorläufige Zielbestimmung.

Will man einige große Hauptherausforderungen benennen, die sich an der Schwelle zum 21. Jahrhundert dem Menschen stellen, dann wird man an folgenden Problembereichen nicht vorbeikommen: Energie, Waldzerstörung, Bodenerosion und Klimaveränderung. Diese internationalen Großprobleme müssen bewältigt werden unter den Gesichtspunkten Ökonomie, Technologie und Lebensstilfragen.

Die Jagd wird dabei durch zwei Diskussionshintergründe berührt: durch den Bereich der Ökonomie und durch die Fragen nach einem angemessenen und zukunftsträchtigen Lebensstil.

Von der Diskussion um eine zukunftsfähige Ökonomie wir die Jagd nach deutschem Jagdrecht in doppelter Hinsicht berührt: sie stellt 1. eine besondere Form der Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen dar, deren Nutzung an Grund und Boden gebunden ist (erlegen und verwerten jagdbaren Wildes). Dieses Nutzungsrecht kann 2. anderen übertragen werden, so dass sich hier eine Art erworbene Nutzung des Rechtes auf die Jagd ergibt (Verpachtungen von Jagdbezirken). Unter diesen ökonomischen Gesichtspunkten ist die Jagd heute allerdings kaum angreifbar: Nutzungsrecht und die Übertragung von Nutzungsrechten entsprechen normalem Geschäftsgebaren und sind gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert. Wenn dennoch das Jagdwesen und vor allem der finanzielle Einsatz für den Erwerb einer Jagdausübungsberechtigung hier und da kontrovers diskutiert werden, dann meistens unter der Fragestellung, ob unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht eine Art Rückfall in solche Zeiten befürchtet werden muss, in denen das Jagdrecht Privileg einer kleinen Klientel gewesen ist. Hier werden die Jagdverbände Bewusstseinsarbeit leisten müssen und mehr als zuvor die guten Gründe für das gegenwärtige Jagdrechtes benennen müssen.

Zudem werden sie die mit dem Weidwerk verbundenen inhaltlichen Ziele gegenüber solchen Jagdausübungsberechtigten einfordern müssen, die die objektiven Erfordernisse eines zeitgemäßen Weidwerks der eigenen Meinung und dem eigenen Verständnis von Jagd unterordnen. Es wird verstärkt eine Auseinandersetzung darüber zu führen sein, dass Maß und Umfang der Hege mit der Büchse nicht in die Beliebigkeit des jeweiligen Jagdausübungsberechtigten gestellt sind, sondern bestimmte Standards einfach wegen des gesellschaftlichen Auftrags an die Jäger eingehalten werden müssen.

Wer als Jagdausübungsberechtigter z.B. gerade mal so eben seinen Schalenwildabschuss erfüllt, der sollte einem revierlosen Jäger die Bejagung des Raubwildes und Raubzeuges überantworten. Und dies nicht deswegen, weil dieser revierlose Jäger einen einklagbaren Anspruch auf eine Jagdmöglichkeit hätte, sondern weil die Vernachlässigung dieser wesentlichen jagdlichen Aufgabe in Fachkreisen, aber auch in Teilen der nichtjagenden Öffentlichkeit, unvermittelbar ist und in die Argumentationsnot führt. Solange es Jäger gibt, die bereit und in der Lage sind, brachliegende Aufgaben in den Revieren zu übernehmen (und auch noch dafür zu bezahlen), ist die Unterlassung bestimmter hegerischer Grundaufgaben nicht begründbar. Die immer wieder beschworene "Ruhe im Revier", die als Argument gegen eine intensive Raubwild- und Raubzeugbejagung ins Feld geführt wird, scheint mir manchmal auf eine "Totenruhe" hinauszulaufen, jedenfalls im Hinblick auf die Niederwildbesätze.

Solche Fehlstellung in der Organisation der Jagd, die dem Hegeauftrag im Wege stehen, laufen einer zeitgemäßen Begründung des Weidwerks entgegen und machen es angreifbar.

In der gesamtgesellschaftlichen Diskussion um den Stellenwert der Ökonomie und um die Frage, ob inhaltliche und politische Ziele nicht allzu oft von ökonomischen Interessen präjudiziert werden, werden sich das Verpachtungswesen und das Weidwerk immer auf dem gesellschaftlichen Prüfstand befinden. Darum sollten wir als Jäger einen inneren und von uns initiierten Ausgleich zwischen den gesetzlichen und damit gesellschaftlichen Zielformulierungen und den organisatorischen Bedingungen anstreben, bevor andere auf die Idee kommen, sich etwaige Differenzen zwischen den organisatorischen Rahmenbedingungen und den Zielen der Jagd für ihre grundsätzliche Agitation gegen die Jagd nutzbar zu machen. Es genügt nicht, an dieser Stelle Gewohnheitsrechte einzuklagen.

Allerdings wird der Jäger wohl nicht damit rechnen müssen, dass die Jagd vornehmlich unter dem Aspekt der ökonomischen Rahmenbedingungen diskutiert werden wird. Diese Frage wird auch in Zukunft eine Nebenrolle spielen wird, allerdings eine wichtige.

Anders sieht es da schon aus, wenn Weidwerk und Jagd unter der Fragestellung bedacht werden, wie Menschen in Zukunft ihr Leben gestalten müssen, damit eine Chance besteht, die o.g. großen Herausforderungen am Umbruch zum 21. Jahrhundert meistern zu können. Es ist zu fragen, ob sich die Jagd, diese spezielle Nutzung und Pflege natürlicher Ressourcen, auch dann noch einen positiven Platz im Bewusstsein der Menschen erhalten kann, wenn neue, andere, d.h. alternative Nutzungskonzepte für Umwelt und Natur in Sicht kommen.

Jagd findet heute ihre häufigste Begründung im formalen Recht. Das Jagdrecht ist an Grund und Boden gebunden und der Eigentümer dieses Grund und Bodens kann unter bestimmten Bedingungen sein Jagdrecht ausüben. Solche formal-juristische Begründung wird in Zukunft immer weniger ausreichen und immer weniger der Grundsätzlichkeit der Diskussion um die Jagd genügen. Viele Menschen, die nach dem Sinn von Jagd und Weidwerk fragen, wollen nicht belehrt werden über formale Grundsätze und traditionelle Nutzungsrechte. Sie wollen vielmehr etwas erfahren über den Sinn der Jagd in einer Zeit, in der Natur weltweit katastrophal bedroht ist. Können Jäger und Jagdverbände glaubwürdig machen, dass sie ein Nutzungskonzept verfolgen, das zukunftsträchtig ist und den ökologischen Erfordernissen angemessen?

Jäger neigen leider dazu, solche Anfragen schnell abzutun als den Eskapismus weniger erklärter Jagdgegner. Dann werden "Die Grünen" oder "Ökopaxe" disqualifiziert als Träumer, die das wahre Leben (Jagd und Beute) noch nicht kennen gelernt hätten. Echtem Eskapismus, d.h. dem Hang zur Flucht vor der Wirklichkeit in eine Scheinwirklichkeit und vor den realen Anforderungen des Lebens, sollten wir uns als Jäger nicht beugen. Manchmal wäre es aber sicher angezeigt, solchen Anfragen etwas eingehender und argumentativer zu begegnen. Ist es doch das Privileg (und die Chance) z.B. der Jugend, an den Grundsätzen der Alten zu rütteln, um deren Standfestigkeit und Begründung zu prüfen.

Manchmal scheint sich der Hang zur Flucht vor der Wirklichkeit aber auch auf Seiten der Jäger eingenistet zu haben. Dort nämlich, wo so gedacht und gehandelt wird, als wäre die Akzeptanz von Weidwerk und Jagd noch wie vor 50 Jahren positiv im Bewusstsein der nichtjagenden Bevölkerung verankert. Die überlieferten Begründungsmuster für die Jagd, nämlich vorgängige Hege und verdiente Ernte, Nutzung natürlicher Ressourcen zur Lebens- und Genussmittelbeschaffung, Ausgleich zwischen Wildbestand und den ohnehin vielfältig strapazierten Biotopen etc. besitzen heute weit weniger Überzeugungskraft, als noch vor 50 Jahren. Das hat verschiedene Ursachen.

Um Jagd und Weidwerk heute zu begründen, muss man zunächst der immer mehr um sich greifenden Vorstellung argumentativ begegnen, dass Leben ohne Nutzung der Natur denkbar und möglich wäre. Viele Menschen unserer Republik, denen von Haus aus der Erfahrungsraum "Natur" und die Erfahrung "natürliches Leben" verschlossen blieben, oder denen sich Natur und natürliches Leben nur noch medial vermittelt und gefiltert anbieten, sind oft ausgesprochen oder unausgesprochen, bewusst oder unbewusst geprägt durch die an sich gutgemeinte Annahme, es gäbe Alternativen zu einem Leben, dass die Natur (be)nutzt. Man muss hier wohl so etwas wie einen Verlust an Realität konstatieren, der sich nicht nur darin ausdrückt, dass z.B. der eigene Tod und die eigene Kreatürlichkeit geleugnet werden, sondern auch immer mehr die Gesetzmäßigkeiten, in und unter denen Natur sich balanciert und reproduziert.

Wer lediglich wöchentlich im Forsthaus Falkenau zu Besuch ist und herzlich Anteil nimmt am temperiert-aufregenden Leben eines Försters Rombach, der rechnen wohlmöglich gar nicht damit, dass zu einer Försterei in der Regel eine Wild- und Zerwirkkammer gehört, in der tote Tiere hängen. Und wer sich die Realitäten in einer Försterei im Abend- oder Vorabendprogramm auf das auch für den feinfühligen Tierfreund erträgliche Maß stutzen läßt, der kommt nicht auf den Gedanken, dass einer Försterei ein jährliches Streckensoll verordnet wird, das relativ zum Schalenwildbestand zwar ökologisch sinnvoll und notwendig ist, in absoluten Zahlen aber eine (grausige) Menge toter Tiere bedeutet.

Auch Förster Rombach würde eine Menge Freunde und Freundinnen verlieren, wenn er schwitzend und schweißig vor den Augen seiner Fans einen Überläufer aufbrechen würde. Das würde der medial vorgegaukelten heilen Welt einen schweren Schlag versetzen und gegen den Geschmack der Feierabend-TV-Förster-Freunde verstoßen.

An diesem Beispiel soll deutlich werden, dass subjektive Wirklichkeiten noch nicht mit faktischen Notwendigkeit einhergehen und korrespondieren. Solche Wirklichkeiten haben in der Beurteilung von konkretem Handeln normative Bedeutung und sie wirken direkt zurück auf die Auffassung darüber, was richtig oder falsch, gut oder böse ist. Jäger werden also in der öffentlichen und privaten Meinung nicht allein an dem gemessen, was heutigen Erkenntnissen zufolge biologisch sinnvoll ist, sondern auch an dem, was medial vermittelter Wissens und Meinungsstandard ist.

So mancher stille Tierfreund und mancher laute Jagdgegner lebt in einer Wirklichkeit, die wesentlich vom Gedanken an eine fundamentale Gewaltlosigkeit der Natur getragen ist. Je nachdem, welchen ideellen oder ideologischen Hintergrund solche Welt- und Lebensschau hat, wird man von einem spirituellen oder politischen Eskapismus sprechen können. Man sollte ihn dennoch nicht verurteilen, sondern als Herausforderung einer Zeit begreifen, in der künstliche Wirklichkeiten dem TV entnommen und zum Maßstab für das Denken und Handeln des Einzelnen werden.

Die Realitäten sehen - das wissen wir - anders aus. Es gibt keine Alternative zur Nutzung der Natur. Wer im Leib der Mutter durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle angelegt ist, der lebt ab sofort erst einmal "auf Kosten" der Mutter, einer besonders nahen Art von "Umwelt"; der Embryo nutzt diese Umwelt. Erblickt der Mensch dann das Licht der Welt und ist er lebensfähig, atmet er als erstes tief ein und verbraucht Sauerstoff; er nutzt seine Umwelt. Ist die Lebenszeit um, verfällt der Körper. Die Elemente deorganisieren, zerstreuen sich, dazu benutzt der Mensch die Mikroorganismen. Leibliches Leben jenseits von Naturnutzung ist nicht denkbar, die Nutzung der Natur durch den Menschen ist konstitutiv. Insofern ist die Frage, wie Natur zu nutzen sei, eine qualitative, eine ethische, eine politische, niemals aber eine grundsätzliche mit etwaigen Alternativen zur Naturnutzung. Der Mensch kann nicht aussteigen aus seiner Leiblichkeit und Natürlichkeit!

Diese fundamentale und heute oftmals vergessene Einsicht führt zu der Frage, unter welchen ethischen, d.h. kulturellen und inhaltlichen Leitsätzen und Zielsetzungen der Mensch die Natur nutzt. Auf eine einfache Gegenüberstellung gebracht könnte man fragen: Ist der Mensch in seinen geistlichen Voraussetzungen auf die Unterwerfung und Ausbeutung der ihn umgebenden Welt aus, oder findet er einen Weg zur nachhaltigen Nutzung der Natur?

Fundament der technischen Zivilisation, die uns an den Rand der Katastrophe geführt hat, ist das Paradigma objektivierenden Erkennens. Seit der Renaissance bringt sich der Mensch auf Distanz zur ihn umgebenden Natur, um sie möglichst effektiv in den Griff zu bekommen. Dieses Denk- und Handlungsmuster ist aber ambivalent und in der Konsequenz zerstörerisch. Ist es auf der einen Seite gelungen, der Menschheit durch Erforschung und Unterwerfung einer ganzen Anzahl lebensfeindlicher Gegebenheiten zu einem größeren Maß an Sicherheit zu verhelfen (vor Krankheiten z.B.), so muss man auf der anderen Seite feststellen, dass der Zugriff des Menschen auf die Lebenswelten anderer Geschöpfe, diese entweder vernichtet oder doch an den Rand der Existenz gebracht hat. Es gibt Prognosen, die sprechen von einem Verlust an 40 Prozent der vorhandenen Tierarten in den nächsten 50 Jahren, wenn der Mensch sein Naturverständnis und seine Lebenspraxis nicht ändert. Zwar gibt es im Bereich der Biologie und Biotechnologie einen beinahe exponentiellen Erkenntnisboom, eine zukunftsträchtige Perspektive im Hinblick auf die Entwicklung der Menschheit und Tierheit gibt es deswegen aber noch nicht. Es gibt in der DNA keinen Code für das Lebensrecht der Mitkreatur. Die gesamte Schöpfung ist darum heute darauf angewiesen, dass die Bedingungen des Überlebens neu beschrieben und konsensfähig normiert werden. Zu diesem Zwecke ist ein Wandel im Selbst- und Naturverständnis vonnöten, da das herrschende Verständnis den Problemen und Folgen rückwärtiger Lebensmuster nicht mehr gewachsen ist. Die abnehmende Akzeptanz der jagdlichen Nutzung natürlicher Ressourcen hat in dieser Krise ihren Ursprung und Nährboden und sie verweist auf mehr, als auf einen kurzlebigen gesellschaftlichen Trend. Ein zentraler Gedanke, auf dem Jagdausübung und Jagdrecht seit jeher beruhen, nämlich der des legalen Zugriffs auf Mitgeschöpfe, steht zur Diskussion.

Der Jäger bedient sich aus der Natur. Entspricht solches Handeln im Grunde den natürlichen Bedingungen, unter denen sich Leben vollzieht (s.o.), so gerät es am Ende des 20. Jahrhunderts in die Krise, weil diese Haltung des Sich-Bedienens (freilich an ganz anderer Stelle) inakzeptable Folgen gezeitigt hat. Nämlich dort, wo der menschliche Zugriff auf die Mitwelt nicht vor dem Recht der Mitkreatur auf gesunden und gesicherten Fortbestand Halt gemacht hat und so irreparable Schäden hinterließ.

Klimaveränderung, ein ungeheuer angstbesetztes Thema, ist Folge einer destruktiven Nutzung der Atmosphäre und zugleich Indiz dafür, dass der Mensch nicht einmal vor der Gefährdung des eigenen Fortbestehens Halt macht. Die Verschiebung von Vegetationszonen, die Ausdehnung der Wüsten, die Zerstörung der Regenwälder sind Folgen einer mit den ökologischen Notwendigkeit unvermittelten Ausbeutung der Natur. Der Mensch bedient sich, als könne er morgen auf eine andere Welt umziehen. Es ist nur konsequent, dass jede Art der Naturnutzung auf den Prüfstand kommt, wenn dieses "infantil räuberische Verhältnis" (A. Mitscherlich 1971) des Menschen zu seiner Mitwelt in die Krise gerät. Die Jagd darf und wird da nicht ausgenommen sein.

Gefragt werden muss deswegen heute immer mehr und immer stärker nach symbiotischen Perspektiven (G. Altner) und Handlungsmaximen. Die zukünftigen Handlungsmuster für eine Nutzung der Natur müssen neben Regeln für die lebensnotwendige Aneignung natürlicher Ressourcen auch Normen für eine Nutzungsbegrenzung oder gar den Verzicht bestimmter Nutzungsformen zugunsten anderer Lebewesen beinhalten. Selbstzweckliche, d.h. rein subjektive und mit den gegenwärtigen ökologischen Herausforderungen unvermittelte Nutzungsformen werden dabei (hoffentlich) auf der Strecke bleiben. Auch die Jagd wird unter diesen Bedingungen dialogisch und interdisziplinär neu begründet und überprüft werden müssen.

Für uns Jäger und Jägerinnen bedeutet dies eine ganze Menge. Wollen wir z.B. weiterhin als Fachleute für den Naturschutz gelten, müssen wir als solche Fachleute selbst die Alternativen zum status quo des Weidwerks an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ins Gespräch bringen. Wird dies von den Jägern nicht geleistet, dann werden wir uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, rein interessengeleitet zu argumentieren. Dann werden andere die Aufgabe übernehmen, Alternativen zum gegenwärtigen Nutzungskonzept und Jagdverständnis zu formulieren. Dies wird dann erlebt werden als weiterer Angriff auf das Weidwerk. Es reicht heute nicht mehr aus und es wird in Zukunft immer weniger ausreichen, dass Fachleute sich zur Begründung ihrer Kompetenz und ihres Auftrages hauptsächlich auf eine Kulturtradition berufen. Gerade diese abendländisch-neuzeitliche Kulturtradition steckt ja in der Krise.

Von Fachleuten wird erwartet werden, das sie Auskunft darüber geben, welche zeitgemäßen Konzepte hinter ihrem Handeln stehen und welche Paradigmen ihrer Arbeit mit Büchse und Flinte zugrundeliegen. Ein Weidwerk, das sich in der Tradition des Abschöpfens und Erntens nach rückwärts, d.h. in der Tradition des Beutemachens (Aus-beutens) definiert, wird es in Zukunft immer schwerer haben und irgendwann nicht mehr geben.

Die Richtung, in die gedacht werden muss und kann, ist mit dem Stichwort symbiotisch ganz gut umschrieben. Symbiotisch umschreibt ja die Fähigkeit verschiedener Lebewesen, zu gegenseitigem Nutzen zusammenzuleben. Und es wird darauf ankommen, dass solches symbiotische Lebens- und Handlungskonzept in die Diskussion um ein neues Verständnis der Jagd eingetragen wird.

Wir müssen uns als Jäger und Jägerinnen hierbei nicht auf argumentativen Spagat vorbereiten. Im Gegenteil: wo unsere Hegegrundsätze mit den biologischen Erkenntnissen korrespondieren und Zusammenhänge zwischen Weidwerk und biologischer Notwendigkeit erkennbar sind, ist die Jagd bereits verantwortliches und notwendiges Handeln unter dem Aspekt symbiotischer Verhältnisse und Vorgaben. Wenn es z.B. um die Balance zwischen Schalenwild und Waldbau geht, liegen wir als Jäger im Zentrum symbiotischer Überlegungen.

Es wird aber auch Mut zum Abschied gefragt sein, also innerhalb der Jägerschaft eine ars moriendi zu pflegen sein. Abschied nehmen müssen wir z.B. von der Gewohnheit, formal zu argumentieren. Wenn wir von solchen Zeitgenossen, die durch die bedrängenden Fragen der Gegenwart berührt sind, nach der Legitimität unseres Tuns befragt werden, reicht es nicht mehr aus, mit dem Jagdschein zu winken und auf die Legalität unseres Handelns zu verweisen. Hier gibt es qualitative Unterschiede, die wir zur Kenntnis nehmen und denen wir uns stellen müssen. Wir werden auch sehr intensiv darüber nachdenken müssen, ob bestimmte Formen der Jagdausübung noch mit den Notwendigkeiten der Jagd korrespondieren. Ich denke z.B. an die Tradition der Gesellschaftsjagden, die dem Niederwild gelten. Sie finden heute angesichts der Niederwildbesätze in manchen Teilen Deutschlands ihre vornehmlichste Begründung im Anspruch des Jägers auf Lohn für seine Hegebemühungen. Dieses Argument läuft aber dann ins Leere, wenn die Hegebemühungen keinen sichtbaren Erfolg zeitigen, d.h. die Besätze inakzeptabel gering sind. Wir werden über kurz oder lang um die Frage nicht herumkommen, ob wir unsere jährlichen Jagdhöhepunkte nicht mit anderen Inhalten füllen; ich denke an gemeinsame Fuchsjagden, Bepflanzungsaktionen, Müllsammelaktionen etc. Solche Gedanken tun bestimmt weh, weil sie Abschied bedeuten; sie sind aber nach Lage der Dinge notwendig und bergen - nach längeren Überlegungen - die Zufriedenheit des Sinnvollen.

Mensch und Natur sind heute auf eine gemeinsame symbiotische Perspektive ethisch verwiesen und existentiell angewiesen. Auch die Jäger werden sich dieser Perspektive stellen müssen; sie haben dabei einen guten Ausgangspunkt, weil die Begründung modernen Weidwerks auf das Miteinander der Geschöpfe zielt.

Dass es neben aller notwendigen Kompromissbereitschaft auch notwendig sein wird, kompromisslos zu sein, sei allen jenen gesagt, die in diesen Gedanken all zuviel Abschied wittern. Kompromisslosigkeit ist gut, aber nur dort, wo sie nicht Ausdruck von Daseinsangst und Dünkel ist, sondern von gereifter Wahrnehmung.

 

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