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Wenn der Rabe ruft und die Eule singt –
Weidwerk ist mehr als Wildtiermanagement!

 

Vortrag auf der Mitgliederversammlung
der Landesjägerschaft Niedersachsen am 11.05.2007 in Bremerhaven

 

Wenn der Rabe ruft und die Eule singt“ – das ist eine etwas abgewandelte Zeile aus einem bekannten Gedicht von Hermann Löns. Diese Gedichtszeile steht als Überschrift über Gedanken, die den Anspruch haben mehr zu sein, als nur rückwärtsgewandte Natur- und Jagdromantik. Kann das etwas werden, Hermann Löns modern gewendet? Mit Hermann Löns zu einer Vision für Gegenwart und Zukunft?  

Ich hoffe es gelingt mir, ein paar gedankliche Impulse zu geben. Impulse, die helfen, uns weiterhin fröhlich und hier und da vielleicht sogar etwas fröhlicher zu Jagd und Weidwerk in unserer Gesellschaft zu bekennen. Denn - und das soll die Grundaussage meiner Überlegungen sein: Weidgerechtes Weidwerk ist mehr als Wildtiermanagement! Weidwerk und Weidgerechtigkeit haben ihre guten Wurzeln in einem Wissen und einer Fähigkeit, die weit über das hinausgeht, was eine instrumentelle, eine rein zweckorientierte und damit zweckrationale Funktion (Wildtiermanagementfunktion) zu bieten hätte. Als Jägerinnen und Jäger haben wir im modernen Diskurs der Gesellschaft zweierlei zu leisten: wir haben den Nutzen der Jagd zu erklären und wir haben die Werthaltigkeit zu erinnern. Beides ist zu leisten. Beides ist nicht dasselbe. Beides geht oft durcheinander. Und wir sollten uns davor hüten, anderen die gesellschaftliche Deutung dessen zu überlassen, was Jagd ist, was die Jagd sein kann und sein soll. Und wir müssen uns durch vorwärtsgewandtes Denken und zum Teil auch neues Handeln offensiv zu einer sich wandelnden und immer wieder neu sich definierenden Gesellschaft aufstellen.

„Höret!“ – so hat Hermann Löns das Gedicht überschrieben, aus dem ich den Titel geliehen habe.

Höret!

Es gibt nichts Totes auf der Welt,
hat alles sein´ Verstand,
es lebt das öde Felsenriff,
es lebt der dürre Strand.

Laß' deine Augen offen sein,
geschlossen deinen Mund
und wandle still, so werden dir
geheime Dinge kund.

Dann weißt du, was der Rabe ruft
und was die Eule singt,
aus jedes Wesens Stimme dir
ein lieber Gruß erklingt.


Dem Schauenden und dem Schweigenden erschließt sich die Mitwelt. Sehen, Erfahren, Erkennen eröffnen erschließende Wahrnehmung. Erschließende Wahrnehmung mündet in einendes Erkennen. Nicht eine gewaltsame Unterjochung von natürlichen Prozessen und eine kaltherzige Aneignung von Ressourcen kann der Sinn menschlicher Existenz allein sein. Zum sachgerechten und „umweltgerechten“ technischem Zugriff gehört die erspürende Teilnahme. Die Mitwelt redet. Sie lässt von sich hören. Sie hat dabei nicht eine Stimme, sie ist voller Stimmen. Sie schließt sich dem Hörenden, besser dem Horchenden auf. Sie offenbart und öffnet sich. Sie gibt ihre Wesenhaftigkeit zu erkennen. Sie erschließt sich als lebendige Mitwelt mit einem eigenen Lebens- und Existenzrecht. Sie ist nicht nur als benutzbare und ausbeutbare Ressource im Blick und im eisernen Griff der Gesellschaft. Sie erschließt sich als Lebensraum. Als Lebensraum, der nicht genügend erfasst und erkannt ist, wenn er ausschließlich als Umwelt, also als ein vor allem den Menschen umgebendes Reservoir nutzbarer Möglichkeiten beschrieben wird. Wer hört, wer horcht, der erfährt Mitwelt in ihrer Ganzgestalt. Und der hört im Ruf des Raben und im Gesang der Eule nicht nur die Lautäußerungen irgendeines Getiers, sondern Stimmen des Lebens. Der begegnet dem Wesen der Natur. Einem Wesen, das sich dem erschließt, der nicht meint, schon alles zu kennen und zu wissen, schon alles gesehen und erlebt, schon alles erfasst, erforscht, erkannt und auch berechnet zu haben.  

In vielen Sprachen gehören Begriffe wie Wesen, Sein und Leben zu einer Familie[1]. Wer einen Blick für das Wesentliche hat, für die Wesenhaftigkeit der Mitwelt, der hat einen Blick für das Leben. Und der weiß: Leben ist wesentlich. Und diese Wesenhaftigkeit, die das Leben darstellt, ist eine hohe Instanz. Sie verpflichtet zu verantwortlichem und begründetem Handeln. Und wer gegen das Wesen der Mitwelt handelt, handelt gegen das Leben, der treibt also sein Unwesen.

Hermann Löns, das wissen die meisten von uns, hat auf der Schwelle vom 19. ins 20 Jahrhundert gelebt (1866-1914). Er lebte damit in einer Zeit, in der sich das gesellschaftliche Wissen im Zuge von Aufklärung, industrieller Entwicklung und zunehmender gesellschaftlicher Arbeitsteilung radikal veränderte. Im Zuge dieser Entwicklung verschob sich das dominante gesellschaftliche Wissensreservoir. Es verschob sich von den bäuerlichen naturabhängigen Kontexten in die scheinbar naturunabhängigen  Produktionskontexte. Die analytischen Naturwissenschaften erarbeiteten sich gegenüber Institutionen wie Kirche und Feudal-Aristokratie einen gesellschaftlichen Rang. Sie brachten zur Geltung, dass in Vernunft und die Analyse Fortschritt und Hoffnung auf eine gute Zukunft lägen.        

Wenn man diesen gesellschaftlichen Hintergrund der Person und des Werkes Hermann Löns’ betrachtet, dann tut sich eine interessante und heute noch aktuelle Dimension seines Werkes auf. Löns arbeitete als Wissensträger in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Wissens- und Wahrnehmungsformen radikal veränderten. Als Naturbetrachter war er eine Art Wissensbewahrer und -botschafter. Sein Pendeln zwischen Hannover und der Heide war sozusagen programmatisch. Er wechselte aus dem technischen Wissensraum Stadt in den ländlichen Wissensraum auf der Suche nach dem Wissen um das Wesen der Mitwelt. Und er formulierte ein Wissen, das in dem von Löns gewählten Duktus heute zwar zuweilen fremd und unangemessen erscheint, aber eben alles andere als unkritisch und angepasst war. Mit dieser unangepassten Sensibilität für den Wert und des Wesen der natürlichen Mitwelt vertrat und repräsentierte Löns ein Wissen, das zum notwendigen Wissen einer Gesellschaft gehört, die ihre wissenssoziologische Balance nicht verlieren will. Oder anders gesagt: wer nicht weiß, was die Natur ist und wozu der Mensch Natur nötig hat, der wird keine angemessene Technik finden, die sich mit solcher Natur versöhnt entwickeln ließe. Mangelndes Wertewissen beschädigt also auch unser technisches Wissen.

Es ist kein Zufall, wenn ein Zeitgenosse von Hermann Löns sich mit den dramatischen Verschiebungen im gesellschaftlichen Wissensbestand der damaligen Zeit beschäftigte. Ich spreche von dem Gesellschaftswissenschaftler Max Scheler (1874-1928). In seiner großen Arbeit „Das Wissen der Gesellschaft“ beschreibt er das unabdingbaren Wissens, das eine Gesellschaft braucht, um nachhaltig und das heißt zukunftsfähig aufgestellt zu sein.

Scheler nennt drei Grundwissensformen, die eine Gesellschaft braucht. Das ist zunächst das technische Wissen, man könnte auch sagen: das Arbeitswissen. Eine Gesellschaft, die nicht über genügend Arbeitswissen verfügt, wird – um es verkürzt zu sagen - verhungern. Es gelingt ihr nämlich nicht, die notwendigen materiellen und materialen Prozesse zu organisieren.

Neben dem Arbeitswissen braucht eine Gesellschaft das philosophische Wissen, das Wertewissen. Eine Gesellschaft, die hier schlecht für sich sorgt, wird geistig verkommen. Und das heißt konkret: sie wird den gesellschaftsgründenden und –erhaltenden Wertekonsens, sozusagen den kulturellen Genbestand der Gemeinschaft  und damit sich selbst verlieren.

Drittens braucht eine Gesellschaft das religiöse Wissen; hier geht es um die Antworten auf existentielle Fragen nach dem Woher und Wohin. Eine Gesellschaft, die die Frage nach GOTT verlernt und aus den Augen verliert, wird seelisch verkümmern und krank werden. Sie erträgt auf Dauer die Verzweiflung über gewisse Ausweglosigkeiten, z.B. Krankheit, Sterben und Tod nicht.  

Wozu dieser Blick auf Hermann Löns und Max Scheler und dieser kleine Ausflug in die Wissenssoziologie? Ich bin der festen Überzeugung, dass das Ringen um die Balancen gesellschaftlichen Wissens immer Zukunftsaufgabe gewesen ist und heute mehr denn je eine Zukunftsausgabe unserer Gesellschaft ist. Oder anders gesagt: Wir sind heute in einer Situation, in der das Wissen um das notwendige gesellschaftliche Wissen neu erworben werden muss. Wir haben über den Primat des zweckrationalen Arbeitswissens die anderen Wissensformen vernachlässigt. Und als Jägerinnen und Jäger sind wir nicht nur stumme Zuschauer angesichts dieser Herausforderungen nach neuen Wissensbalancen. Sondern wir haben in diesem Prozess eine Rolle und einen Auftrag. Denn wir arbeiten an der Weitergabe des Wissens um den Wert der Natur. Wir arbeiten für die Weitergabe und den Erhalt eines Wissens, das der Mitwelt unter der Perspektive ihres Eigenwertes und ihres unveräußerlichen Selbstwertes einen besonderen Rang zuerkennt. Wir sind sozusagen die modernen Pendler vom Land in die Stadt und umgekehrt. Wir sind Botinnen und Boten eines Wissens, das über zweckrationale Managementfunktionen hinausgeht. Und wir werden immer dort gut und erfolgreich sein, wo wir – wie seinerzeit Hermann Löns – widerborstig und doch ansprechend, nicht aber eitel und arrogant vom unveräußerlichen Selbstwert der Mitwelt erzählen. Es geht dabei um jenen Stellenwert der Mitwelt, der von Formen des technischen und instrumentellen Arbeitswissens allein nicht genügend in den Blick der Gesellschaft gerückt wird. Und dies deswegen nicht, weil dem Arbeitswissen sowohl die Sensorik als auch die Methodik für den Erkenntnisgegenstand „Mitwelt“ fehlt, also das Gespür für solche Wertbeschreibung und die Ausdrucksweisen. Es gibt keine modernen Kennzahlen für den Ereignisraum Natur, die die Gesamtheit des Wunders Naturraum abbilden würden. Natürliche Mitwelt ist ein schöpferisches Ereignis, das auf einer Erfahrung beruht, die ihr Material zunächst Beobachtung und Beschreibung gewinnt, also durch teilnehmende Zurückhaltung. Mitwelt, Natur, unsere Reviere sind Ereignisräume, die man erkennend behutsam erschließen muss. Oder, um es im Geiste Hermann Löns’ zu sagen: die erst, wenn der Betrachter schweigt, hörbar werden. Das Organ für diese Mitwelt ist das Empfinden, nicht der Taschenrechner. Und das Ergebnis der Begegnung mit solcher Natur ist kein Ertrag, wie ihn Arbeitswissen hervorbringen sollte, sondern Weisheit, lebensnotwendige Weisheit. Arbeitswissen zielt auf Ergebnisse. Die weisheitliche Hinwendung zur Natur auf Erlebnisse. Das Produkt eines guten Managements sind lineare Leistungsprozesse mit kalkulierten Ergebnissen. Natur aber als Mitwelt ist nicht linear und kalkulierbar. Natur ist kreativ, zuweilen spontan und immer auch lebensgefährlich. Natur ist evolutionär und das heißt: auch immer gut für ungeahnte Überraschungen.

Dem Arbeitswissen als Herrschafts- und Ressourcenwissen erschließt sich der Eigenwert der Natur nicht oder doch wenigstens nicht umfassend. Dem Arbeitswissen erschließt sich Natur vor allem als Ressource, als natürliches Vorkommen, das man nutzt. Es braucht das philosophische Wissen, es braucht dieses Erkennen, von dem Hermann Löns spricht, es braucht die weise Fähigkeit, die Eule singen zu hören, um Natur in ihrer Eigenwertigkeit als Raum, in dem man lebt, wahrnehmen und annehmen zu können. Es braucht die Fähigkeit des Philosophen, des Dichters und des sich einlassendes Jägers, um Mitwelt in ihrer hoher Eigenwertigkeit zu sehen, zu hören, zu entdecken und dann vermittelnd gesellschaftlich zu kommunizieren. Und es braucht die edle Passion, die sich nicht allein darauf beschränkt, sich Natur als Beute einzuverleiben. Sondern es braucht eine Art von edler Passion, die die Balance von Nehmen und Geben, Nutzen und Verzicht, Arbeit und Weisheit lebt. Und es braucht – und das sage ich als Pastor nicht nur als Werbung für die Kirche -, es braucht die Frage nach Gott, weil sich weisheitliches Wissen um das Wesen der Mitwelt eben nur noch als Lob und Anbetung ausdrücken lassen. Wer meint, auf Lob und Anbetung verzichten zu können, der verzichtet auf gesellschaftliches Wissen, auf nichts weniger. Unser Psalm 104 z.B. ist gesungenes und gebetetes weisheitliches Wissen.

Auf die Praxis herunter gebrochen heißt das: wenn wir Wild erlegen, dann tun wir dies dann angemessen und balanciert, wenn wir vergegenwärtigen, dass die Ressource, die wir nutzen, nicht genügend beschrieben ist, wenn wir sie als Braten auf vier Läufen deklarieren. Die Bezeichnung Speisewild  für Schalenwildarten ist uns fremd und mutet gegenüber dem Geschöpf inakzeptabel an. Wir hören sofort, dass sich in solcher Wortschöpfung eine Misshandlung des Mitgeschöpfes ereignet. Gleiches gilt, wo Schalenwild aus linear waldbaulicher Sicht zum Schadwild heruntergestuft wird. Das ist eine Verkürzung, die durch das Wissen um den Eigenwert des Geschöpfes von uns nicht unwidersprochen bleiben darf und eine scharfe Richtigstellung verlangt.

Der Raum, in dem wir als Jägerinnen und Jäger arbeiten, ist der uns vorgängige Raum. Wir sind alle miteinander und jeder für sich kurzlebige biologische Prozesse. Wir sind für einen Zeitbruchteil in diesem Ereignisraum „Mitwelt“ zum Bewusstsein kommen. Wir dürfen essen, wir dürfen leben, wir verbrauchen und nehmen uns, was wir zum Leben benötigen, wir genießen. Wir pflanzen uns fort und strukturieren unsere Umwelt. Wo wir Mitwelt aber zerstören, da haben wir das Wesen dieser  Mitwelt nicht begriffen und treiben deshalb unser Unwesen.

Die biblischen Schöpfungserzählungen erzählen genau von diesen Gefährdungen. Es geht in ihnen nicht um die naturwissenschaftliche Frage, ob sich Welt in sieben Tagen schaffen ließe. Es geht um den weisheitlichen Wissensbestand, dass der Mensch ins Spiel kam, als alles andere bereits gut und schön war. Das heißt, die uns umgebende Mitwelt der Raum ist, in dem sich der Mensch entwickeln und entfalten durfte. Und diese Mitwelt bereits war, als der Mensch die Bühne betrat. Solches Wissen ist für die Selbst- und Welterkenntnis des Menschen von größter Bedeutung.

Auch symbolisieren Evolutionstheorie und Schöpfungsglauben keine sich einander bekämpfende Prinzipien. Der aktuell in den USA ausgetragenen diesbezügliche Streit ist an Abstrusität kaum zu überbieten und allenfalls ein kleingläubiger weltanschaulicher Machtkampf. Evolution ist Schöpfung! Evolution ist das materiale Entwicklungsprinzip eines schöpferischen Ereignisses, über dessen Erstimpuls angemessen aber nur in Symbolen ausgesprochen werden kann. Auch wer die Urknalltheorie vertritt wird feststellen, dass ihr Ausmaß, ihre Dimension, ihre Ursache und ihre Zukunft das rational Sagbare und Abbildbare übersteigen. Und es sind die besten Physiker und besten Theoretiker, die am wenigsten Probleme mit dem Symbol GOTT in diesem Szenario haben, der das Unsagbare eint, wo der Mensch staunend schweigen muss. (Urknallhypothese und Quantenmechanik sind – soweit ich das weiß – zudem zwei unvermittelbare Welterklärungsmodelle, so dass bis heute nicht die Rede davon sein kann, wir hätten Werden und Wesen der Welt begriffen.)   

Es geht in den großen biblischen Erzählungen, in den "big storys", dann auch um die Gefahr, die der Mensch an sich für die Mitwelt darstellt. Dass er sich nämlich als gefährlicher Gast entpuppt. Dass er das einzige Gebot zum Leben im Paradies, nämlich von einer einzigen Frucht inmitten aller Überfülle nicht zu essen, nicht befolgen konnte. Dass sein Trieb zu entdecken, zu erkunden, zu erkennen und zwar auf eigene Faust und Rechnung unendlich groß ist. Der Mensch - ein nicht nur sterblicher, sondern zugleich tödlicher Primat. Ein Primat, der die Fähigkeit hat, sich vom schöpferischen Urimpuls, der ihn ins Leben rief, geistlich abzuwenden. Dem schöpferischen Grund allen Lebens also den Rücken zu kehren und eigene Maßstäbe und Lebensziele zu entwerfen. Und das alles mit einem beschränkten Geist, der dazu neigt, Wichtiges zu übersehen, Entscheidendes nicht zu erkennen und Zusammenhänge und Wissen zu vergessen.

Wir sollten, liebe Weidgenossinnen und Weidgenossen, nach diesen „big storys“ unserer Heiligen Schrift nicht mit unseren Konfirmandenweisheiten werfen. Diese Geschichten gehören zu den ernsthaftesten Bildern und zum wichtigsten geistlichen Bestand unserer eigenen Kulturgeschichte. Wer sie zu lesen weiß, der verstummt vor Schrecken. Aber eben dieser Schrecken lässt uns dann die richtigen Fragen stellen.

Es sollte heute zu unser aller geistigem Bestand gehören, dass es eine Steigerungsform von „tot“ gibt, die der Mensch verursachen kann. Die Steigerungsform von tot heißt ausgestorben oder auch ausgerottet. Und die Grenze für unser Handeln, ob als Jägerinnen und Jäger oder in unseren jeweiligen Hauptberufen, liegt genau an dieser Grenze. Nicht tot, also verantwortlich erlegt, geschlachtet oder gefangen ist Frevel gegen den Eigenwert der Schöpfung als Mitwelt, sondern die dumme Grenzverletzung, die darin liegt, dass wir in unserer menschlichen Gier der Natur die Reproduktionsräume, die Reproduktionskräfte und die Reproduktionszeiten rauben. Das heißt meinen, wir könnten sämtliche natürlichen Prozesse durch technische ersetzen. Ein Ergebnis solch irrsinnigen Irrtums beschäftigt uns aktuell gerade: wir reproduzieren uns selbst nicht mehr!                 

Das Weidwerk in seiner edlen Form pflegt das Wissen um den Wert und Gefährdung der Mitwelt in ihrem Eigenrecht und Eigenleben. Weidwerk kennt dabei den Menschen in seiner zerstörerischen Selbst- und Ichbezüglichkeit. Die standesethischen, d.h. jagdethischen Verpflichtungen in Brauchtum und Tradition sind in ihren guten Teilen nichts anderes als Werteanker geboren aus diesem geistlichen Wissen. Weidgerechtigkeit ist also eine Wissensform um den Eigenwert der Mitwelt. Als solches Wissen ist sie nach bestem Wissen und Wissen von Irrtürmern und alten Zöpfen zu entrümpeln. Weidgerechtigkeit ist mehr als Folklore. 

Weidgerechtigkeit formuliert eine Schnittmenge von technischem Wissen und Wertewissen. Weidgerechtigkeit ist der Hinweis auf eine Gerechtigkeit, die nicht in unser Belieben gestellt ist und die ihre Maßstäbe aus dem Eigenwert der Mitwelt empfängt. Brauchtum und die Regeln der Weidgerechtigkeit sind die – neudeutsch – praktischen Implementierung eben jenes Wissens, das den Eigenwert der Mitwelt vernunft- und handlungsleitend macht. Weidgerechtes Weidwerk ist mehr als Wildtiermanagement. Es geht über das Wildtiermanagement hinaus, auch wenn das Wildtiermanagement als eine kennzahlenorientierte Form der Jagdausübung Bestandteil unseres Handelns sein muss und bleiben wird. Auf die richtige Schnittmenge kommt es an. Die Kennzahlen für das Wildtiermanagement variieren je nach Auftrag und Umstand. Die Jagd als Weidwerk, als weidgerechtes Weidwerk ist darüber hinaus die Verpflichtung, die Kennzahlen für eine moderne, gesellschafts- und naturrelevante Jagd am Eigenwert der Natur zu prüfen und ggf. zu korrigieren. Und so begründet hat Weidgerechtigkeit als spezifische Wissensform Anteil an den relevanten Wissensformen der Gesellschaft. Sie ist nicht Ausdruck einer romantisch verstaubten Haltung, die aus vergangenen Zeiten stammt. Weidgerechtigkeit ist unaufgebbares Wissen um die Balance von Nutzung und Bewahrung, Nutzwert und Eigenwert der Schöpfung, an dem die Gesellschaft ein Interesse haben sollte. Ich unterstreiche das doppelt: die Gesellschaft, und das heißt die Öffentlichkeit und die Repräsentanten und Repräsentantinnen in Politik und öffentlichem Leben sollten ein großes Interesse an einer weidgerechten Jagd haben. Sie können als interessenausgleichende moderne Politikerinnen und Politiker aber nur ein Interesse an einer Jagd haben, die sich dem Grundsatz der Weidgerechtigkeit als Schnittmengenkompetenz verschiedener notwendiger Wissensformen verpflichtet weiß. Und sie sollten dabei nicht auf jene hören, die meinen, Jagd wäre als kennzahlenbasiertes Wildtiermanagement dem instrumentellen Denken und dem zweckrationalen Handeln allein zu unterwerfen und darin erst modern.      

Lassen sie mich, um die Brisanz dieser Problematik zu verdeutlichen, auf einen aktuellen Versuch zu sprechen kommen, der die Jagd in eine reduzierte Form des Managements umzuwandeln versucht. Dieser Versuch stammt aus dem letzten Jahr. 2006 hat der Soziologe Klaus Friedrich Maylein seine sozialwissenschaftliche Doktorarbeit an der Universität Konstanz eingereicht: Titel: „Die Jagd: Funktion und Raum. Ursachen, Prozesse und Wirkungen funktionalen Wandels der Jagd .“

Die Grundthese dieser Arbeit lautet: Die gesellschaftliche Beschreibung der Bedeutung der Jagd unterläge weitestgehend einem Mythos. Wer Jagd z.B. beschreibe als älteste Tradition der Welt, als Motor der Evolution oder erste Tätigkeit des Menschen usw. betreibe das Spiel einer Imagination, die bei Betrachtung der soziologischen Fakten unhaltbar sei. Maylein unterlegt seine These dann mit richtigen und sehr aufschlussreichen soziologischen Fakten zur Geschichte und den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen der Jagd. So weist er z.B. darauf hin, dass seit der neolithischen Revolution, also seit Sesshaftwerdung und Domestikation von Tieren, die Versorgungsrelevanz der Jagd allenfalls bei 3-5% lag. Immer wieder wurde zudem die Jagd in den verschiedenen politischen, gesellschaftlichen (und räumlichen) Prozessen der Zeiten benutzt, um Macht- und Standesansprüche durchzusetzen. Der Schluss, den Maylein zieht, lautet dann grob skizziert: Heute sei der Jagd die moderne Funktion der „Bewirtschaftung wildlebender Tierpopulationen“[2]  zuzuweisen. Und in dieser Funktion sei die Jagd dann auch zu gestalten und zu organisieren.

Bemerkenswert ist, dass sich Maylein auf den Soziologen Ulrich Beck bezieht, und sich einer bekannten These Becks bedient. Beck beschreibt in einem seiner wichtigsten Bücher[3] das Ende der Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft. Gerade das letzte Jahrhundert sei dadurch gekennzeichnet gewesen, dass es zu einer totalen „Vergesellschaftung der Natur“ kam. Dabei seien die natürlichen Bedingungen ihrer Reproduktion weitestgehend zerstört worden. Klaus Friedrich Maylein bedient sich dieses Befundes von Ulrich Beck, und bestreitet das Vorhandensein von Natur. Er erkennt nur noch Kulturräume. Und er kommt zu der nach meinem Dafürhalten völlig ungenügenden Definition von Jagd, wenn er schreibt (Zitat): „Jagd heute ist in weiten Teilen nichts anderes als die dringend gebotene Reduzierung von Schäden auf ökonomischer als auch ökologischer Basis…“ [4].

Was in dieser zeitgeistlichen Dissertation geboten wird, ist sozusagen die soziologische Begründung für den Abschied vom Wissen eines (intrinsischen) Eigenwerts der Natur. Von einer Wissensform also, die wir als philosophisches Wissen oder als Wertewissen gesellschaftlich dringend brauchen. Eine solche auf die Verwaltung und das Management von Kulturräumen abstellende soziologische Begründung von Jagd wird aber den Tatsachen, die wir wissenssoziologisch (vgl. Max Scheler) als notwendig erheben können, nicht gerecht. 

Es reicht nicht aus, wenn man die gesellschaftliche Dienstleistung, die die Jagd als Weidwerk erbringt und erbringen muss, reduzieren will auf eine lineare Rationalität der Schadensbegrunzung. Es gibt keine pragmatische oder gar pragmatistische Verwaltung einer vergesellschafteten Natur, der die Qualität oder der Rang einer weidgerechten Jagd zukäme. Mit der Einführung solcher Rationalität verschiebt sich der Wahrnehmungs- und Wissenshorizont der Gesellschaft noch weiter aus der Balance heraus! Und der Wissenshorizont reduziert sich weiter. Oder anders gesagt: es ist ein Unterschied, ob ich mein Revier durchschreite und dabei das Wesen der Mitwelt entdecke, oder ob ich das Revier durcheile, um meinen Job zu machen und allein Schadens- und Bestandregulierung auf ökonomischer und ökologischer Basis betreibe.  

Die Reduzierung von natürlichen Prozessen innerhalb eines Kulturraumes auf Kulturprozesse, nur weil sich die natürlichen Prozesse innerhalb von Kulturraum-Nischen abspielen, ist wirklichkeitsverzerrend. Oder anders gesagt: auch im Kulturraum braucht es Brut- und Setzzeiten, die gesellschaftlich vermittelt und gesetzlich durchgesetzt werden müssen, wenn wir denn Tieren ein Lebensrecht zugestehen. Wer nicht mehr weiß und einfordert, dass es auch heute noch Reproduktionsprozesse und -räume in der Natur gibt, die ihren Raum, ihre eigene Zeit und ihre besondere Ruhe brauchen, der gibt jenes Wissen preis, auf das jene Mitgeschöpfe angewiesen sind, die nicht in der Lage sind, einen Bestandsschutzprozess beim Europäischen Gerichtshof  anzustrengen. Wer Natur als eigenwertiges und schützenswertes Ereignis aus seinem Wahrnehmungshorizont streicht und für restlos vergesellschaftet erklärt, handelt gegen das Wissen selbst. 

Ich habe die Arbeit von Klaus Friedrich Maylein dort mit Gewinn gelesen, wo sie eingehende Beschreibungen der kulturellen Funktion von Jagd in den verschiedenen Epochen bietet. Hier ist sie ausgesprochen lehrreich und wirklich zu empfehlen. Die Funktionszuschreibung, die Maylein aber im Rückgriff auf eine vergesellschaftetet Natur unternimmt, ist absolut ungenügend. Die Argumentation basiert auf stringentem aber in der Summe defizitärem Wissen, dem die Dimension des wertebezogenen und weisheitlichen Wissens völlig abhanden gekommen scheint. Sie mutet in ihrer geistigen Grundtendenz an, als wollte ich heute wieder Waldbau unter der Perspektive einer Reinertragslehre des 19. Jahrhunderts betreiben und würde das ganze Wissen um die Ertrags- und Zukunftskraft neuerer, naturnaher Waldbaukonzepte des 20. Jahrhunderts in den Wind schlagen. Wir wissen, dass Wald mehr ist als eine Anpflanzung von Bäumen. Ganz analog dazu will ich darum sagen: eine reduzierte berufsspezifische Rationalität aus der Perspektive eines Wildtiermanagements in Kulturräumen ist keine moderne Fortführung des Weidwerks, sondern seine pragmatistische Ersetzung und letztendlich seine Abschaffung. Sie beruht auf einer These, der vehement zu widersprechen ist.

Natur ist nicht als vergangen zu beschreiben. Natur ist nichts, was wir hinter uns lassen könnten. Sondern Natur ist zu beschreiben als schöpferischer Ereignisraum, der nach wie vor einen hohen Stellenwert im Bewusstsein der Menschen, Gesellschaften und Zivilisationen haben muss. Natur ist keine Kategorie, die sich in Quantitäten und Funktionen erfassen ließe. Darum liegt auch im Symbol der Schöpfung zu viel bewahrendes und wichtiges Wissen! In der Balance von technischen Wissen und Wertewissen wenden wir uns der Natur zu – und sei es in ihren Restbeständen – und hüten und bewahren den darin sich vollziehenden schöpferische Urimpuls, der alles Leben hervorgebracht. Alles andere, liebe Weidgenossinnen und liebe Weidgenossen, wäre nach meinem Dafürhalten nicht Verantwortung, sondern gröblichste Vernachlässigung. Eine Form der Vernachlässigung, gegen die wir als Jägerinnen und Jäger vehement streiten müssen. Und die ganz und gar im Gegensatz zu unserer standesethischen Tradition und zu unserem Selbstverständnis steht. 

Ich bin der Meinung, dass nicht die quantitativ kategorisierten Restbestände von Natur oder die naturnahen Kulturbestände Maßstab für die Wertschätzung sein dürfen, die wir in unser Handeln eintragen, sondern der Willen des Schöpfers, schöpferisch zu sein. Das heißt solange sich Natur regt und ereignet, in kleinen Reproduktionsreservaten oder großen Renaturierungsprojekten werden wir als Jägerinnen und Jäger wissen, wo unser Ort ist. Unser verbandspolitisches Selbstbewusstsein als anerkannter Naturschutzverband ruht in dem Wissen, das Wissensdiversität, also Wissens- und Wahrnehmungsvielfalt unabdingbare Voraussetzungen für gelingende Gesellschaftsformen sind. In der Jäger und die Jägerin als Naturschützer in der Schnittmenge von Arbeitswissen, technischem Wissen und Wertewissen ihren Platz haben und haben werden.

Lassen sie mich, liebe Weidgenossinnen und Weidgenossen einen letzten Gedanken anfügen. Ich habe gesprochen von den Wissensbereichen, auf die eine Gesellschaft angewiesen ist, wenn sie überleben will. Karl Ernst Nipkow, einer der einflussreichsten Pädagogen der letzten Jahrzehnte, hat aus seiner Perspektive auf eine gesellschaftliche Wissensform hingewiesen, von der bisher nicht die Rede war, die aber für uns unbedingt in den Blick gehört. Ich spreche vom sog. „dominanten Lebenswissen“. Es ist eine Wissensform, die kurzfristiger wirkt als die Metawissensformen nach Max Scheler, die aber nicht weniger wirksam ist.  Wenn es uns nicht gelingt, im Raum des „dominanten Lebenswissens“, das des leitenden Alltagswissens der Menschen eine positive Rolle zu spielen, dann nützen uns die ganzen Überlegungen und Appelle zu unserer eigenen gesellschaftlichen Bedeutung nicht.

Wenn Jägerinnen und Jäger nicht auch im Lichte und im Fokus des aktuellen Alltagswissens glaubwürdig als Wissensträger für den Eigenwert der Natur zu stehen kommen, dann werden andere mit den übertragenen Aufgaben betraut werden. Und dann werden wir unsere Rolle in der Gesellschaft verlieren, weil man uns das gesellschaftliche Vertrauen entzieht.

Darum möchte ich meine Überlegungen ganz unpädagogisch aber von Herzen mit einem Appell schließen. Lassen sie uns alle miteinander daran arbeiten, dass das Weidwerk auch im aktuellen Alltagswissen als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger Dienst zu stehen kommt. Lassen sie uns daran arbeiten, dass wir die Widersprüche, die sich hier und da zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftun, intensiv und offensiv bearbeiten und wo immer möglich abstellen.

Wer mit dem Infomobil unterwegs ist, um Kindern etwas vom Eigenwert der Natur zu erzählen, Tierliebe zu unterrichten, Einblicke zu gewähren und von Verantwortung für die Mitwelt zu künden, der darf das Infomobil nicht mit der größten Feinstaubschleuder ziehen, die sich im ganzen Landkreis finden lässt. Wer für sich in Anspruch nimmt, Wissensträger und Wissensbote zu sein, der einen besonderen Sensus für die Stimme der Natur und die Zusammenhänge der Schöpfung hat, der also ein waches Gespür für die Mitwelt hat, der sollte sich fragen, ob Flecktarn und ähnliche geliehenes Equipement jene Geisthaltung spiegeln, die wir wollen und für die wir stehen.

Glaubwürdigkeit ist unsere beste Öffentlichkeitsarbeit. Die glaubwürdige Arbeit an der gesellschaftlichen Bedeutung der Jagd, beginnt nicht mit den Worten, sie erschöpft sich auch nicht in Vorträgen und Positionspapieren. Sie beginnt mit mir selbst, bevor ich etwas gesagt habe, bevor ich einen Rede geschrieben oder einen Artikel verfasst habe. Sie beginnt mit gelebter Verantwortung, die dort beginnt, wo Hand und Herz und Hirn zusammenarbeiten und sich darin einig sind, dass es Übung und immerwährende edle Passion braucht, damit uns dies erhalten bleibt, was Hermann Löns auf seine Art ausdrückte:  

Dann weißt du, was der Rabe ruft
und was die Eule singt,
aus jedes Wesens Stimme dir
ein lieber Gruß erklingt.
              

In diesem Sinne schließe ich, danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen für dieses noch junge Jagdjahr Gottes Segen und Geleit und Weidmannsheil!

 

[1] Art. „Wesen“ in Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 22. Aufl., Berlin 1989, S. 788

[2] A.a.O., S. 18

[3] Ulrich Beck, Risikogesellschaft, S. 107

[4] Maylein, a.a.O., S. 33

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