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Hubertuspredigt 2012
Jagd ist keine Willkür

20.11.2012 Venne/Münster

von Rolf Adler, Osnabrück

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Textlesung 2. Sam. 12,1-4

Liebe Gemeinde!

König David. Er ist reich, legendär reich. Dazu Ausgestattet mit Macht und auch Mut. Trotzdem muss sich David vom Propheten Nathan eine Lehrpredigt anhören. Nathan erzählt: Da ist ein reicher Mann, der hat sehr viele Schafe und Rinder. Sein Viehbestand ist groß und gesund. Und er hat nichts zu klagen. Hab und Gut hat er genug. // Und dann ist da noch ein armer Mann. Der hat nur ein einziges Schaf. Er hat nur dieses einzige Schaf, weil er sich und seiner Familie nicht mehr kaufen kann. Und dieser arme Mann liebt sein einziges Schaf. Er hat es von seinem wenigen Geld gekauft, er hegt und hütet es. Liebe und Fürsorge dieses Mannes haben etwas Rührendes. Sie gehen so weit, dass er das Schäfchen unter seinen Kindern groß werden lässt. Die füttern es und es darf im Haus sein. Trinken darf aus den Bechern der Familie und schlafen im Schoß des Mannes. Es ist eine kleine, rührende Welt, die vom Propheten Nathan geschildert wird. Überschaubar, ein bisschen skurril, nicht auf Gut und Reichtum gegründet, aber von Fürsorge, Liebe und der Freude über das Wenige geprägt. // Als nun der reiche Bauer einmal einen Gast erwartet und er diesem einen Braten vorsetzen will, da greift sich der reiche Bauer nicht ein Lamm aus seiner eigenen großen Herde. Nein, er nimmt sich das Schaf des armen Bauern. Er schlachtet das Einzige, was dieser Bauer und diese Familie an Vieh hatten. Seine eigene Herde tastet der reiche Bauer nicht an.  

Liebe Gemeinde! Es ist eine traurige Geschichte, die David sich anhören muss. Es ist eine Geschichte, die die Welt und das Leben von einer ganz dunklen Seite zeigt. David muss sich diese Geschichte anhören, weil er selbst etwas Dunkles und Böses getan hatte. David hatte einem seiner Soldaten die Frau weggenommen. Und weil er diese Frau für sich behalten wollte, schickte er den Ehemann in die Schlacht, ganz nach vorne, so dass er umkam. Eine böse Geschichte. Sie erzählt von der dunklen Seite des hochgelobten und verehrten David.   

Warum nun diese Nathanparabel in einem Hubertusgottesdienst? Es ist eine Geschichte von Machtmissbrauch und Willkür. Und wofür anderes steht der wilde Hubertus, als für Machtmissbrauch und Willkür. Er jagt zügellos und ziellos. Und er nimmt sich, was ihm unter die Finger gerät. Hubertus hat den einenden Kontakt zu seiner Mitwelt verloren. Hubertus ist in die Fänge von Bedeutungslosigkeit und Belanglosigkeit geraten. Ihm ist ein entscheidendes Wissen abhanden gekommen. Das Wissen davon, dass Mitwelt, dass Schöpfung nicht zu den verletzbaren, zu den verbrauchbaren und vernutzbaren Ressourcen gehören, die wir Menschen uns einfach unter den Nagel reißen könnten. Sondern dass der Begriff „Schöpfung“ einen Wert und eine Beziehung beschreibt, die von großer Weisheit getragen und mit solcher Weisheit auch geschützt werden will. So wie sich David die Frau seines treuen Hauptmanns unter den Nagel gerissen hatte, skrupellos, von Gier und Habsucht getrieben, so handelt auch der reiche Bauer. Der reißt sich das Lamm des Armen unter den Nagel, verspeist es skrupellos und lässt jedes Maß und jedes Gespür für Recht und Gerechtigkeit vermissen.  

Wenn wir als Christinnen und Christen, als Jägerinnen und Jäger bewusst von Schöpfung reden, dann reden wir davon, dass Gottes Liebe sich in den natürlichen Wirklichkeiten um uns herum zu erkennen gibt. Wir reden davon, dass jedem Baum, jedem Tier, jedem Stück Wild, aber auch jedem Käfer, ja sogar dem sog. Raubzeug Gottes Schöpferwillen inne wohnt. Dass das Leben und Sein nichts ist, was der Mensch aus sich heraus geschaffen oder auch nur entworfen hätte. Wenn wir bewusst von Schöpfung reden, da reden wir weise, zurückhaltend, bedachtsam und auch liebevoll.  

Wo wir dagegen Schöpfung, ihren Wert, ihre Wesenheit aus dem Blick verlieren, da verdunkelt sich unsere Gottesbeziehung und da hat sie sich schon verdunkelt. So, wie wir mit der Schöpfung umgehen, so gehen wir mit Gott um! Schöpfung hat einen tiefen, jede menschliche Perspektive übersteigenden Eigenwert und Beziehungswert. Geschöpf zu sein, erschaffen zu sein, ist ein Angesprochensein. Schöpfung ist das erste Wort Gottes an uns Menschen. Das Bekenntnis zum Schöpfer steht im ersten Artikel unseres Glaubensbekenntnisses. Wo es in der Bibel heißt, dass Gott Wasser und Land voneinander schied, dass er Licht und Finsternis ordnete, dass er Pflanzen und Tieren einen Lebensort gab, dass er sie in einer lebensprägenden Ordnung zueinander stellte …, wo all dieses beschrieben wird und in unserem schönen alttestamentlichen Schöpfungsliedern besungen wird, da ist nicht davon die Rede, dass wir unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord werfen sollten. Sondern es ist davon die Rede, dass alles Beziehung ist. Ineinander gewoben, aufeinander aufgebaut, miteinander verschränkt und aufeinander angewiesen. Schöpfungsglaube macht deutlich, dass wir es im Umgang mit der Natur nicht mit beliebigen Wirklichkeiten zu tun haben. Schöpfung meint nicht eine wissenschaftsferne Erklärung für den Anfang der Welt. Sondern wer die Schöpfung besingt, der meint eine praktische, relevante, ethische Hinordnung auf eine Weltwirklichkeit, in der Gott immer an erster Stelle mit ihm Spiel ist. Wer bewusst von Schöpfung spricht, erkennt die Erde als Raum des geschenkten Lebens an. Und diese Anerkennung ist ein Akt geistlicher Würde und geistlicher Freiheit. Keine Unterwerfung unter ein altes Denken, sondern das Heimkommen zur Wahrheit. Keine Pflichtveranstaltung im Sinne einer kirchlichen Doktrin, sondern Teilhabe an einer Wahrheit, die uns allen zur Ehre werden soll. Es geht um die Freiheit, Ehrfurcht haben zu können, sich einlassen zu können auf Schönheit und Sinn. Es geht um das Vermögen, über das praktische Nutzen- und Überlebens- und Verbrauchskalkül hinausschauen und hinaus denken zu können. Der alte Goethe nannte den Schöpfungsglauben eine „geistgewordene Scham davor, alles in Besitz nehmen zu müssen“. Eine geistgewordene Scham, die wir dringend brauchen, um unsere Willkür im Umgang mit der Schöpfung zu beenden, zu entschleunigen und zu bekennen. 

Dass es uns an solchem ehrenwerten Schamgefühl im Umgang mit der uns anvertrauten Mitwelt fehlt, dass wir uns jedweder Form übelster Willkür in die Arme geworfen haben, dass belegen auf traurigste Art und Weise die Fakten globaler Entwicklung. Wir schnüffeln nach wie vor und immer weiter an der Wachstumsdroge. Es fällt uns schwer, ganzheitliche Lebensmodelle für Wohlstand und schonenden Umgang mit der Schöpfung zu finden. Wir Bekiffen uns mit Effizienz- und Ertragsszenarien, haben einen scharfen Blick für das, was hinten herauskommt, aber zu wenig Gespür dafür, was wir vorne herein schieben und verbrauchen. Wir merken dabei gar nicht, dass derzeit 20% der Erdbevölkerung in den Industrienationen 85% der globalen Ressourcen verbrauchen. Das ist Willkür! Das ist fehlende Scham! Das ist fehlende Weisheit! Das ist eine Haltung, die entspricht mehr dem wilden Hubert, dem bösen David, als einem Geschöpf Gottes.  

Trotz der Zunahme von Naturschutzgebieten und sichtbarer Anstrengungen um einige besondere Tier- und Pflanzenarten ist die Wende zu einer ökologischen Neuorientierung nicht geschafft. Jährlich verschwinden von der Erde 35 000 tierische und pflanzliche Arten. Insgesamt ist das Aussterben der Arten gegenüber dem evolutionären Durchschnitt um den Faktor bis 10 000 erhöht. Usw., usw. …

Liebe Gemeinde,
liebe Jägerinnen und Jäger! 

Kann Jagd mehr sein als Willkür. Haben wir als Jägerinnen und Jäger etwas zu sagen, etwas zu bieten, das in eine andere Richtung und in ein reiferes Denken weist? Natürlich schießen wir Wild und essen es mit Appetit und Genuss. Dass es in der schöpferischen Ordnung der Welt eine Hierarchie gibt, eine steigende Nahrungskette und dass Fleischgenuss mit Tod notwendigerweise einhergeht, wissen wir und blenden es nicht aus. Wir verstecken als Jäger diesen Schöpfungsumstand nicht hinter Sichtschutzzäunen, wie es die blutempfindliche Gesellschaft in der Regel mit den Schlachtorten tut. Wir formulieren mit Ernst und Gewissenhaftigkeit aber auch jenes Wissen, dass sich alle Jagd nur begründen und auch erhalten lassen wird, wenn wir sie als Beziehungsgeschehen deuten und praktizieren. Rehe, Hirsche und Wildschweine sind nicht unsere Feinde. Und wir führen keinen Krieg gegen diese Geschöpfe. Darum gehören Jägerinnen und Jäger auch nicht in Tarnanzüge, die an Krieg und Zerstörung erinnern. Wir stehlen den Tieren nicht den Lebensraum und wir lassen uns auch nicht auf die Funktion einer jagdlichen Eingreiftruppen reduzieren, die im Dienste einer wirtschafts-politischen Zielphantasie das eigene Ethos aufgibt. Jagd im weidgerechten ist nur gut und vertretbar, wenn die Rechte der Tiere als Mitgeschöpfe genauso zur Sprache kommen, wie die Rechte derer, die sie nutzen wollen oder die sie nicht haben wollen. Die Jagd ist ein Beziehungsgeschehen und parteilich für die Rechte wildlebender Tiere. Und sittlicher Ernst und ethische Qualität der Jagd werden davon abhängen, ob es uns gelingt, als Jägerinnen und Jäger diesen Beziehungscharakter zu leben und zu gestalten. Darum gilt es auch, Fehlsteuerungen jagdlicher Praxis deutlich zur Sprache zu bringen und entschieden zu beenden. Ich denke da heute vor allem an das sog. Crowbusting. Diese massenhafte Krähenjagd mag in den Augen einiger Sportschützen ein kurzweiliges Mittel sein, um Krähen zu bejagen. Für mich sind Art und Weise dieser Jagd nicht geeignet, Jagd als Beziehungsgeschehen glaubwürdig zu leben. Haufenweise tote Krähen, strahlende Schützen, die den Sinn und Erfolg dieser Jagdart über die Strecke allein definieren, sind für mich abstoßendes Beispiel dafür, wie Jagd zum abstoßenden Sport verkommt.  

Vorrangiges Ziel der Jagd ist eine Beziehungskultur, in der die Nutzung wildlebender Tiere von einer Weisheit und einem ehrenamtlichen Engagement getragen wird, dass die rein ökonomisch begründeten Nutzungsmuster durchbricht, in dem es den Geschöpfen ein eigenes Lebensrecht einräumt. Natürlich schießen wir Sauen, wenn sie zu Schaden gehen und auch Rotwild, wenn der Bestand es erlaubt oder erforderlich macht. Wir erwarten nicht, dass Landwirte die Früchte ihrer Arbeit den Sauen zum Fraß vorwerfen. Aber das Ziel jeder Jagd ist die Wiederherstellung einer Balance unter uneingeschränkter Parteilichkeit für das geschöpfliche Lebensrecht wildlebender Tiere. Wild ist niemals ein Schädling. Wer die Nutzenkonkurrenz verbal so auf die Spitze treibt, hat den Sinn für das Ganze verloren.

Wenn wir uns, liebe Jägerinnen und Jäger, von der Hubertuslegende und der Nathanparabel etwas ins Stammbuch schreiben lassen wollen, dann die Einsicht, dass all unser Handeln mit Blick auf die Mitwelt und Schöpfung nur als Beziehungshandeln eine ethisch wertvolle Begründung haben wird. Und wir müssen in unser Beziehungswissen und Beziehungshandeln eine Weisheit eintragen, die jede Art von Willkür und willkürlicher Herrschaft stoppt und begrenzt. Es ist nicht in Gottes Sinne, wenn wir Mitgeschöpfe aus der Welt werfen. Es ist nicht im Sinne des Schöpfers, wenn wir unsere Nutzenkonzepte in den Vordergrund schieben und so Balancen für immer zerstören. Und es ist auch nicht im Sinne des Schöpfers, wenn wir allein ökonomische Interessen zum Leitmotiv unseres Umganges mit Mitgeschöpfen machen. Unsere Zukunft wird sich letztendlich daran entscheiden, ob wir fromm und weise genug sind, unser Leben am Lebensrecht der Vielheit auszurichten. Monokulturelles Denken – in welche Richtung auch immer – ist nicht schöpferisch. Es ist letztendlich tödlich. Als Jägerinnen und Jäger haben wir hier konkrete Möglichkeiten. Und die zu nutzen, in unserer alltäglichen Revierarbeit oder auf der Verbandebene, das sollte unser Ziel sein. Willkür und Herrschaft, die dem Mitgeschöpf Lebensraum und Lebe nehmen, sind nicht im Sinne unseres Gottes, der sich die Mühe gemacht hat, uns und die gesamte Schöpfung ins Leben zu rufen.

Amen

 

 

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