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Hubertuspredigt 2011
Machtergreifung des jagdlichen Pragmatismus?

20.11.2011 St. Petronilla Kirche in Handorf/Münster

von Rolf Adler, Osnabrück

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde! Liebe Jägerinnen und liebe Jäger!

Was hat Kniefall des Hubertus eigentlich zu bedeuten? Ich bin auf diese Frage gestoßen, als ich einmal durch die Göhrde fuhr. Die Göhrde ist ehemaliges Staatsjagdrevier deutscher Kaiser im östlichen Niedersachsen. Am Jagdschloss dort steht ein Hubertusdenkmal. Aber der kaiserliche Hubertus kniet nicht. Ganz im Gegenteil! Da hat der Hirsch sich neben Hubertus niedergetan. Er duckt sich quasi unter der herrischen Hand des stolzen Junkers. Die ganze Skulptur zeigt nichts von Demut oder Besinnung. Das Denkmal ist eine ganz eigene, im Zeitgeist des deutsch-kaiserlichen Großdenkens des 19. Jhd. geschaffene Darstellung. Bronce, mächtig, imposant,  aber ohne jede geistliche Substanz. Allenfalls eine zeitgeistliche Reminiszenz an Kraft und Stärke. Was ist das, wenn ein Mensch niederkniet? Wenn er aller herrschaftlichen Attitüde entsagt? Welches Denken herrscht, wenn man stattdessen die herrische Geste wählt?

Ich denke, in der Hubertuslegende ist der Kniefall vor dem Gekreuzigten keine Geste der Abkehr von der Jagd. Auch keine Geste der menschlichen Unterwerfung unter die Unberührbarkeit von Natur und Mitwelt. Hubertus kniet nicht vor dem Hirschen oder der Schöpfung, deren Teil er ist und auch bleiben wird. Hubertus kniet vor dem Kruzifix, vor dem Gekreuzigten. Sein Kniefall ist eine innige Hinwendung zur schöpferischen Majestät Gottes.

In der Hubertusvision ereignet sich somit auch nicht die beispielhafte Vorwegnahme des verheißenen biblischen Schöpfungsfriedens. Shalom, der große Friede, ist nach der Bibel allein Gott vorbehalten. Es geht in der Hubertuslegende vielmehr um die Wiedereingliederung einer verlorenen Existenz in die Schöpfungsordnung. Hubertus erfährt keinen göttlichen Dispens von dieser Ordnung. Und ihm wird von Gott auch kein Dispens von der Jagd erteilt. Wenn Hubertus fortan nicht mehr jagt, dann nicht deswegen, weil die Jagd an sich schlecht und nicht im Sinne Gottes wäre. Vielmehr ist eine Beheimatung nach einer verwilderten Hatz das Format des zukünftigen Lebens dieses Menschen. Verwildert war die Jagd, weil ihr leitendes Prinzip die Verzweiflung gewesen sind. Eine abgrundtiefe Lebensverzweiflung und Lebenstraurigkeit. Hubertus jagt an einem Karfreitag, so heißt es in der Legende. Er hatte Frau und Kind verloren. Ihm ist angesichts dieses Schmerzes nichts mehr heilig. Er jagt, um sich zu betäuben und zu zerstreuen. Weidwerk als Dienst an der Schöpfung und als Ausdruck einer verantwortungsvollen Nutzung der Tierwelt ist ihm völlig fremd geworden. Man kann sagen, dass jeder Schuss, den Hubertus in das Leben seiner Mitwelt setzt, wie ein Schrei der Verlorenheit ist.

Dieser Verlorenheit bereitet Gott gnädig ein Ende. Gott sammelt ihn, den wilden Hubertus, gnädig wieder ein. Er sammelt ihn auf, führt ihn heim wie ein verlorenes Schaf. Holt ihn zurück in seinen Garten, seine Ordnung, seine Weisheit und auch Liebe. Mit der Vision ereilt den Hubertus also keine Strafpredigt auf die Jagd. Die Vision ist Gottes ist vielmehr. Sie ist heilsame Anrede an das verelendete Gemüt.

Liebe Jägerinnen und Jäger!

Gottes Heil tritt also nicht in Form eines Unterlassungsbefehls in unser Leben. Gott revidiert Artenhierarchie und menschliche Nahrungsgewohnheiten nicht. Huberti Umkehr ist Befreiung von Verzweiflung. Das leitende Prinzip seiner Leidenschaft war Schmerz. Nicht aber die Freude daran, Teil dieser guten Schöpfung zu sein. Huberti Trieb war Rache an der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit der Schöpfung. Verzweifelte Wut gegen eine dunkle Mächtigkeit, die über das Leben kommen kann.

Und von hier aus nun, liebe Mitjägerinnen und Mitjäger, liebe Gemeinde, lässt sich deuten, was die Szene prägt: nämlich der Kniefall. Der Gekreuzigte im Geweih Hirschen ist der Augenblick der Erhellung. Der Gekreuzigte durchdringt die  Selbstverzweiflung. Hubertus wird von der schöpferischen Liebe Gottes neu erfasst.

Diese Legende ist anspruchsvoller, als man das auf den ersten Blick hin vermuten könnte. Sie ist deshalb auch gänzlich ungeeignet, sentimentaler Teil einer banalen Jagdfolklore zu werden. Sie bewahrt eine der zentralen Fragen unseres Menschseins und Christseins auf: Werden wir als Jägerinnen und Jäger in unserem Tun von einer schöpferischen Kraft getragen und geleitet? Oder kämpfen wir – ob Jägerin oder Jäger oder auch nicht - verzweifelt um unseren Selbsterweis? Sind unsere tägliche Arbeit, unser Tagewerk und unser Weidwerk von Freude an der Mitschöpfung getragen? Oder ist unser Tun Ausdruck einer Verlorenheit, der die Freude am Gottesbund schon längst abhanden gekommen ist und die eigentlich nicht mehr weiß, wozu sie gut und da ist?

Ich will, liebe Mitjägerinnen und Mitjäger, keinen Hehl daraus machen, dass mich die offizielle strategische Ausrichtung der Jagd, wie sie gegenwärtig breit kommuniziert wird, diesbezüglich eher bedenklich stimmt. Allenthalben hören wir von unseren Verbandsoberen, dass sich die Jagd als „Wildtiermanagement“ modern ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen und sich dort neu verankern müsste. Ziel der Jagd sei es, belebte und unbelebte Natur, jagdbare und nichtjagdbare Wildarten und die unterschiedlichsten Nutzungsansprüche und -profile in ein zukunftsweisendes Konzept zu bringen.

Ich bin kein Gegner modern formulierter Aspekte der Jagd. Jagd hat sich stets mit den Gesellschaften verändert. Ihr Sinn und ihre Bedeutung müssen stets überprüft werden. Ich weiß aber auch von der Bedeutung sprachlicher Symbolik. Was mich bedenklich stimmt ist, dass wir gegenwärtig einer zeitgeistlichen Verengung der Jagd Vorschub leisten. Mir ist nicht wohl bei der herrisch-funktionalen Geste, die mit dem Begriff des „Wildmanagement“ als strategische Selbstbeschreibung eingeführt und etabliert wird. Es beschädigt unser weidmännisches Ethos, wenn wir uns als Wildtier- und Biotopmanagerinnen und -manager verorten wollen! Als Kulturtechniker und Taskforces gegen gestörte Ökobalancen beziehen wir ein zu kleines Revier, um zukunftsfähig zu sein. Wenn wir versuchen, uns vor allem dem zeitgeistlichen Nutzenkalkül der Gesellschaft anzubiedern, dann verlieren wir uns selbst. Nutzen und Nützlichkeit und die Erbringung von Dienstleistungen sind keine hinreichenden Kriterien für das, was wir Weidwerk und vor allem auch Weidgerechtigkeit nennen würden.

Jagd, die als Weidwerk (und Ehrenamt) Zukunft haben will, muss ihre besondere Kompetenz für eine qualifizierte Teilhabe an der Schöpfungsvielfalt und Schöpfungsgemeinschaft bewähren. Und wir müssen uns die Symbole und die Sprache für die tiefe Verbundenheit erhalten, die wir empfinden, wenn wir als Jägerinnen und Jäger unserer Werk tun. Die mentale Machtergreifung eines jagdlichen Pragmatismus, der ohne die Frage nach einer spirituellen Schöpfungswahrheit auszukommen versucht, ist heute eine intellektuelle Fehlleistung. Denn es war und ist gerade dieser allein auf gesellschaftlichen Nutzen und instrumentelle Nützlichkeit setzende Pragmatismus, der unsere Mitwelt in einer Weise beschädigt hat, die heute zum Himmel schreit und dessen Folgen wir kaum bewältigen werden. Das Nützliche ist nicht immer das Vernünftige! Das Nützliche ist nicht immer im Geiste Gottes. Die Heiligung des Nutzungs- und Nützlichkeitsgedankens ist vor allem nicht das, was uns die Hubertuslegende lehrt!

Und wenn wir uns in der strategischen Selbstdefinition auf das Managementprinzip reduzieren, dann sind wir zwar am Zeitgeist, und mit paar Imagebroschüren "auf dem Markt", aber wir sind nicht mehr bei dem, was wir den Geist Gottes nennen sollten und nicht bei einem schöpferisches Weidwerk. Wenn man den Begriff des Wildtiermanagements ernst nimmt, dann heißt das, wir nehmen zukünftig die Wildtiere an den Zügel. Führen sie an imaginären Zügeln in jene Nischen, die wir bestimmen und überlassen. Das heißt aber: nicht wir knien vor dem Schöpfer, der seiner Schöpfung Lebensrecht und –raum zugewiesen hat, sondern der Hirsch liegt – ganz im preußisch-kaiserlicher Verirrung - zu unseren Füßen. In der Göhrde steht schon das Denkmal für diese Denkhaltung. Und das Denkmal ist an chauvinistischer Attitüde nicht zu überbieten. Das Management-Paradigma ist eine einseitige Festlegung auf das Herrschaftswissen. Und es zerstört unsere Wissensökonomie, wo wir es nicht leisten, dem „Sich-Führen-Lassen“ Raum und kulturelle Bedeutung zu geben.

 Unser Ziel als Jägerinnen und Jäger muss es sein, heimischen Wildtieren (!) dieses „an der Hand geführt werden“ zu ersparen! Unser Ziel muss es sein, unseren heimischen jagdbaren und nichtjagdbaren Wildtierarten die eigenen Lebensräume und Lebenszeiten nicht unter Nützlichkeitserwägungen zu organisieren, sondern ihnen diese Räume und Zeiten aus schöpferischer Freude zu lassen. Wir nehmen – kurz gesagt – nicht das Wild an die Zügel, sondern uns. Oder – um es in der Hubertuslegende zu sagen – wir gehen auf die Knie. Lassen uns von Gott zurückführen, heimholen, wieder in seine Ordnung und Liebe aufnehmen. Eine Sinnordnung, die sich auch aus dem Wissen um die Unverfügbarkeit der Mitwelt und ihrem Eigenwert speist, ist die Grundlage für das Ethos der Jägerschaften.

Wir brauchen, liebe Weidgesellen, liebe Gemeinde, eine Jagdkultur, bei der die Fäden, aus denen das Tuch gewebt wird, aus dem Herzen gezogen werden. Wir brauchen als Jägerinnen und Jäger die Besinnung auf ein Wertesystem, in der das Machbare nicht zum herrischen Generalfetisch wird.

Zum Schluss: Wir stehen, wenn wir als Jägerinnen und Jäger eine Hubertusmesse feiern, vor der Frage, ob wir uns das gefallen lassen, was Hubertus sich gefallen ließ. Die Heimholung durch Gottes Ansprache an unsere Existenz. Wir stehen vor der Frage, ob wir bereit sind, auf die Knie zu gehen. Und dies als Zeichen der geistlichen Stärke gegen einen Machbarkeitswahn, der uns das Denken vergiftet. Wir können und werden jagen, weil Gott auch uns Menschen als einen Teil in seiner Schöpfung wollte. Wir sind kein Unfall der Schöpfung. Die Hubertuslegende legt ihre Finger aber an eine wunde Stelle unserer mentalen Verfassung. Hubertus geht auf die Knie. Er wird neu. Unser Leitbild ist nicht der uns zu Füßen liegende, gezähmte und unterworfene Hirsch. Die Rede von Gottes Schöpfung weist uns auf einen weiteren Horizont, in dem Wissen und Weisheit, Nutzen und Demut Geschwister sind. Und wir sind alle miteinander eingeladen, uns an diesem neuen und schönen, aufregenden und berührenden Horizont, den Gott selbst in unser Leben zieht, zu freuen.

Ich schließe mit Worten der Weisheit aus dem Buch Jesus Sirach (42,21). Dort heißt es:

Seine machtvolle Weisheit hat er fest gegründet,
er ist der Einzige von Ewigkeit her.
Nichts ist hinzuzufügen, nichts wegzunehmen,
er braucht keinen Lehrmeister.

Ich wünsche uns allen Gottes lebendig machenden Geist in alle unserem tun und Weidmannsheil für jeden von uns. Gottes Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 

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