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Hubertuspredigt 2010
Hubertussyndrom

Jubiläum Jagdgebrauchshundeverein Wittlage

von Rolf Adler, Osnabrück

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Jägerinnen und Jäger, liebe Gemeinde! 

190 Länder haben sich vor 20 Jahren auf dem UN-Umweltgipfel in Rio darauf geeinigt, bis 2010 - also bis heute - den weltweiten Artenschwund deutlich zu verlangsamen. Seit letztem Montag zieht man nun im japanischen Nagoya Bilanz. 5000 Delegierte aus der ganzen Welt haben sich versammelt. Zwei Wochen lang will man die Daten und Fakten zusammentragen. Man will feststellen, ob die Pläne von 1990 in die Tat umgesetzt worden sind. Ob es also den Menschen in einer gemeinsamen Anstrengung gelungen ist, die Erde als gemeinsamen Lebensraum für Mensch und Tier so zu gestalten, dass das Lebensrecht aller Kreatur handlungsleitend ist. So zu gestalten, dass das Lebensrecht der Tiere wirklich Tragen kommt und sie Raum zum Leben erhalten. 

Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, zog dieser Tage allerdings ein ernüchterndes Fazit: die Entwicklung sei alarmierend! Es sei nicht gelungen, eine weltweite Strategie gegen das Massenartensterben gesellschaftlich und politisch umzusetzen. Noch immer sterben heute Arten 1000mal schneller aus, als es unter natürlichen Bedingungen der Fall wäre. Der Mensch macht den Tieren den Lebensraum weiterhin brutal streitig. Nach einer WWF-Studie ist der Bestand der wichtigsten Tierarten seit den 70er Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Von den weltweit bekannten 5500 Säugetierarten sind seitdem 78 ausgestorben oder leben nur noch in Gefangenschaft.  

„Ausgestorben“, liebe Jägerinnen und Jäger, ist eine Steigerungsform von tot. Ausgestorben heißt: hier sind Tiere nicht erlegt, nicht geschlachtet oder gefangen worden, um sie im Nahrungskreislauf sinnvoll zu nutzen. Hier sind Tiere aus der Welt geworfen worden. Der Mensch hat sie einfach aus der aus der  Schöpfungsgemeinschaft geschmissen. Den Menschen hat es an Gespür und an Weisheit gefehlt. Zum Teil haben sie auch aus purer Not gehandelt, weil es der Weltgemeinschaft nicht gelungen ist, das Lebensnotwendigste einigermaßen gerecht zu verteilen. Zum Teil sind Tiere Opfer einer brutalen und äußerst ignoranten Art des Wirtschaftens geworden. Dort, wo man Wälder holzt, um des schnellen Profits willen und gar nicht im Kalkül hat, mit welchen Regenerationszeiten man eigentlich rechnen muss, dort, wo man geschützte Arten jagt, um an irgendwelche Zauberpülverchen zu kommen und ein paar Dollar zu machen, wo man nicht weidwerkt, sondern raubt, da stehen wir außerhalb einer Schöpfungsbalance, die wir als vereinbar mit einem Ethos der Mitweltlichkeit nennen könnten.

Das weitestgehend stille Einverständnis der Weltgemeinschaft darin, dass Tiere ihren Lebensraum und ihr Lebensrecht verlieren und unwiederbringlich aus der Schöpfungsgemeinschaft geworfen werden, ist ein Skandal. Ein Skandal deswegen, weil es eigentlich zum ethischen und wissenschaftlichen Grundbestand der Weltgemeinschaft gehören müsste, dass das Leben wertvoll ist und dass die Lebensgemeinschaft als System auf Artenvielfalt und Artenreichtum beruht und angewiesen ist. Diese Vielfalt ist nicht vom Menschen gemacht. Der Mensch hat sich  als Spätwesen in dieser schöpferischen Vielfalt vorgefunden. Er ist sich quasi selbst geschenkt worden.

 Wenn wir angesichts dessen heute einen nach wie vor gewaltsamen Verlust an Artenvielfalt bilanzieren müssen, dann haben wir es als Weltgemeinschaft nicht ernst genug genommen, mit den 1990 vereinbarten Zielen. Dann waren unsere Worte nicht mehr als Schall und Rauch. Dann haben wir es versäumt,  Schöpfungsgerechtigkeit und Umsicht walten zu lassen.

 Was bedeuten diese Gedanke mit Blick auf Hubertus? Ich meine, wir müssen und sollen zur Kenntnis nehmen, dass Hubertus, der wilde Hubert, der räuberisch Hasadeur einer zügellosen Jagd auf die Mitwelt kein einzelner Verirrter ist. Wilde Huberts gibt es viele. Das „Hubertussyndrom“ ist international. Der jagende Junker, der fernab von Weisheit und Sinn seiner Leidenschaft frönt, streift nicht nur durch sein eigenes kleines Lehen, das ihm der Erzfürst übertragen hat. Der wilde Hubertus ist ein globales Phänomen und ein weltumspannendes System. Ein globale Problematik. Insofern müssen wir heute im Jahre 2010 angesichts der Ergebnisse und Fakten der UN-Konferenz in Nagoya feststellen: der wilde Hubert ist überall. Er ist noch keineswegs auf den Knien. Und niemand hat im jene Weisheit eingehaucht, der er bräuchte, um umzukehren. Und wenn wir über seine Umkehr nachdenken und über den Willen Gottes angesichts solcher Maßlosigkeit, dann betreiben wir keine Selbstbeweihräucherung, wie es uns ja immer wieder vorgeworfen wird, sondern wir nehmen Anteil an einer Entwicklung und an einem Weltzustandk, deren Ausmaße furchtbar sind.  

Ich denke, als Jägerinnen und Jäger, die wir mit diesem Hubertusgottesdienst einen einen stimmungsvollen Nachdenkgottesdienst feiern, wir müssen uns diesen Blick auf dieses Versagen der Weltgemeinschaft zumuten. Wir machen den wilden Hubert nicht zahm, in dem wir ihn in die Vergangenheit versetzen und als überwunden glauben. Wir sehen und wir wissen: er wildert und wütet überall. Er ist nicht von gestern, sondern traurige Gegenwart.

Und wir als Jägerinnen und Jäger geraten so unversehens in eine große Verantwortung. Wir sind es nämlich, die eine lang geübte Sprache und ein Gespür dafür haben, was es heißt, eine artenreiche Wildlandschaft zu haben. Die Kompetenz, für diesen Reichtum an Mitwelt Sprache, Symbole, Bilder und Worte zu finden, die Fähigkeit, das Lebensrecht der Mitwelt zu formulieren und in konkretes handwerkliches Ethos und praktische und auch politische Schritte umzuformen, liegt zu einem großen Teil bei uns Jägerinnen und Jäger. Wir sind ja nicht nur Fleischbeschaffer und Wildtiermanagerinnen. Wir sind Mitweltschützer. Und in dieser Rolle kommt es uns zu, Sprache zu entwickelt und Taten zu setzen für das unhintergehbare Lebensrecht der belebten und unbelebten Mitwelt. Wir sind Botschafterinnen und Botschafter für ein Verständnis von Mitwelt, das sich vom Lebens- und Existenzrecht der belebten Mitwelt leiten lässt. Und wir tun das in einer Art und Weise, die dabei nicht leugnet, dass der Mensch selbst Teil dieses Lebensgewebes ist, sich also durchaus als Primat aus der Mitwelt bedient, um zu essen und zu genießen. Es geht also darum, Jagd als eine besondere Form der Schöpfungsbeziehung zu pflegen und zu leben. In der die Realitäten zwischen Leben und Tod und Werden und Vergehen nicht ideologisch ausgeblendet werden, sondern verantwortungsvoll gestaltet. Und in der die tagespolitischen Vergehen und Verbrechen an dieser Mitwelt zur Sprache kommen.

Nun habe ich als Jäger mit einigem Erschrecken davon gelesen, dass ein indischer Ökonom im Auftrag der Deutschen Bank eine Studie auf dem Umweltgipfel in Nagoya vorstellen soll, in der versucht wird, den Wert der Mitwelt in volkswirtschaftliche Größen zu übertragen, also vor allem in Euro und Dollarwerte. Da wird dann zum Beispiel beschrieben, dass die Touristen in Mecklenburg-Vorpommern, die z.B. an der Müritz Adler, Kranich und Rotwild bestaunen wollen, jährlich 13 Mio. Euro ins Land bringen. Dass das Schilfrohr, das an den Ufern der mittleren Elbe wächst, rund 8 Mrd. Euro erspart, die sonst für Kläranlagen ausgegeben werden müssten. Mangrovenwälder in Vietnam, für 1,1, Mio. $ gepflanzt, sollen Deichbaumaßnahmen im Wert von 7,3 Mio. $ ersparen usw. usw.

Gut finde ich den Vorschlag der Studie, die Naturzerstörung in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen. Also nicht so zu tun, als könnten wir Mitwelt zerstören und verbrauchen, ohne uns Kosten einzuhandeln. Ich würde hier sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: wir sollten im Hinblick auf die Kostensituation sogar eine betriebswirtschaftliche Rechnung anstellen, die es uns nicht mehr einfach erlaubt, Kosten für Natur- und Mitweltverbrauch zu externalisieren. Richtig schlecht finde ich es aber, wenn wir Mitweltschutz nur betreiben könnten, weil uns jemand die Euro und Dollarzeichen auf die Blätter der bedrohten Pflanzen, auf die Häupter der bedrohten Tiere, auf die Flächen der bedrohten Biotope malen würde. Was wir brauchen, ist eine andere Wertehaltung, eine andere Sensibilität, die zu einem nachhaltigen Umgang mit der Mitwelt sowohl ermutigt als auch ermächtigt. Nicht nur das, was auf das Portemonnaie drückt, muss uns wichtig sein, sondern auch das, was uns am Herzen liegt. Und ich sehe Jägerinnen und Jäger an der Schnittstelle in der Pflicht, für ein solches Herzensbewusstsein zu werben und zu arbeiten.

Wenn wir heute, im Jahre 2010, an Sankt Hubertus denken und an ihn erinnern, dann ja mit dem Ziel, dass etwas von dem Widerfahrnis dieses Menschen in unser Leben hinein leuchtet und wirksam werden soll. Und was kann man von Sankt Hubertus Treffenderes sagen als dies, dass er durch seine neue Gottesnähe zu einem neuen Herzensbewusstsein gefunden hat. Schöpfer- und Gottesglanz haben ihn getroffen und sein Leben berührt. Und er sieht die Mitwelt fortan nicht mehr als kalte Ressource zur gnadenlosen Selbstbedienung. Er fügt sich ein in ein Lebenskonzept, dass unter dem Vorzeichen der Weisheit und der Erkenntnis steht.  

Hubertus liegt auf den Knien vor einem Hirschen, in dessen Geweih der gekreuzigte Menschensohn erscheint. Gott hat sich in Jesus Christus seiner lebendigen und endlichen Welt genähert. Gott hat sich auf diese Welt eingelassen. Und das heißt: Gottes Menschwerdung und seine Weltwerdung ist auch seine neue Schöpfungswerdung. Wenn Gott als liebevolle und schöpferische Kraft nicht bei sich selbst bleibt und seine verlorene Schöpfung nicht aufgibt, sondern sich auf den Weg macht zu den Menschen, die in dieser Verlorenheit leiden, dann will er etwas verändern. Er will, dass Heil und Frieden und Zukunft dieser Welt gelten. Hubertus fällt auf die Knie, weil Gott für ihn in einer unüberbietbaren Weise Gültigkeit gewonnen hat. Gott wird Welt – und die Welt kommt dadurch wieder auf den Weg zu Gott.  

Und dieses Wissen, dass wir nicht die Verlorenheit pflegen und gestalten sollen, sondern Gottes Rettung und Zukunft, rettet und schützt uns vor den Missdeutungen, die uns sonst unterlaufen würden und an denen die Welt heute leidet. Auch vor der Missdeutung, dass die Welt uns Menschen zum Fraß vorgeworfen wäre, so dass wir die Welt wie eine Beute zerfleischen und zerteilen könnten. Die Welt zu aufzufressen, sie zu völlerisch verspeisen, sie zu verzehren - das ist eine Lebenshaltung, die so dumm und töricht ist wie die Lebenshaltung der Floßfahrer, die sich – weil ihnen kühl wird – Stück für Stück aus dem Floß hacken, um sich ein Feuerchen zu machen. Dümmer kann man nicht handelt. Treffender kann man das derzeitige Handeln der Menschheit aber auch nicht beschreiben.

Ich denke, gerade die Hundeführerinnen und Hundeführer unter uns, deren Engagement wir heute besonders würdigen, haben hier noch einmal eine ganz besondere Fähigkeit, sich in die Haltung einer solchen gottbezogenen Existenz hinein zu denken. Niemand, der einen Hund führt, ist der Meinung, der Hund als Gefährte und Helfer wäre allenfalls ein seelenloses Werkzeug, ein verbrauchbares Leben, dem kein eigener Wert zukäme. Ein Werkzeug also, das nicht empfänglich sei für Liebe und Zuwendung, Lob und Tadel. Weil wir eine tiefere Beziehung zu unseren Hunden haben, weil wir um ihren Wert und ihr Können wissen, sind uns unsere Hunde wertvoll und mehr als nur Instrumente zur jagdlichen Praxisbewältigung. Wenn ein Banker käme, und würde uns sagen wollen, unser Hund sei nur etwas wert, weil wir ein paar Dollar für ihn bekommen könnten, würden wir nur mit dem Kopf schütteln. Wir haben eine andere, eine größere, eine bedeutendere Beziehung zu ihren Gefährten. Und diese Beziehung macht uns empfänglich für den Sinn des Lebens, das für eine viel zu kurze Zeit an unserer Seite geht. Wir sind ein unverwechselbares Gespann, mit Stärken und Schwächen, mit allen Erfolgen und Misserfolgen. Mit allem, was sich letztendlich als gemeinsame Zeit und Geschichte zu einem Leben zusammenstrickt, auf das wir fröhlich und zuweilen traurig zurückschauen. Das, liebe Weidgenossinnen und Weidgenossen, ist jene Qualität von Beziehung, die wir zu unserer Mitwelt brauchen, um endlich zu begreifen, das wir nicht vom Nichts umgeben sind, sondern von unendlich viel wertvollem Leben.   

Als ich meinen Hund im letzten Jahr tot vom Tierarzt nach Hause getragen habe, habe ich gelitten wie lange nicht mehr. Und es hat Tage gedauert, bis ich frei war von dieser Traurigkeit. Diese Trauer kommt auch jenen Mitgeschöpfen zu, die wir – ohne es jeden Tag zu sehen oder zu erfahren – durch unsere maßlose Art zu leben aus der Welt jagen.

Ich denke, liebe Jägerinnen und Jäger, dass unsere Beziehung zur Mitwelt Beziehungsqualität haben muss. Dass uns die Arten unter den Händen wegsterben, kann uns nicht gleichgültig lassen. Als Jägerinnen und Jäger sind wir ausgestattet mit Erlebnissen, Erfahrungen, die wir als unsere Kompetenzen einsetzen müssen. Und wir wissen im Grunde, dass sich auch der kleine Kampf um das letzte Wildkraut am Ackerrain lohnt, weil dieses kleine Wildkraut eben Lebensgrundlage für etwas ist, das ein Lebensrecht hat.  

Ich jage gerne und ich habe keine Zweifel, dass wir Menschen, wenn wir Wild jagen und nutzen Teil einer sinnvollen Schöpfung sind. Ich halte nichts davon, die Jagd als Relikt vergangener Tage gesellschaftlich in Frage zu stellen. Aber ich denke auch, dass wir noch erkennbarer werden müssen, wo es um unsere Fähigkeit geht, unsere Beziehungsfähigkeit zur Mitwelt zu formulieren. Hubertus ist dafür kein Stellvertreter, sondern ein Beispiel und auch Vorbild. Von ihm erhalten wir die richtigen Fragen angesichts drastischer Zerstörungen der Mitwelt. Die Antworten müssen wir selbst geben. Denn Glauben heißt nicht, alles Gott zu überlassen. Sondern glauben heißt, Gott zuzulassen. Und sein Wille ist es, der uns die Schönheiten und die Aufgaben der Mitwelt schenkt. Daran denken wir. Und davon lassen wir uns leiten. Und Gottes Friede, höher als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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