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Hubertuspredigt 2006
Für Gott resonanzfähig werden

Schloss Gesmold (Melle)

Rolf Adler, Bad Essen

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

 Gott, du lässt mich fröhlich singen von deinen Werken,
und ich rühme die Taten deiner Hände.
Herr, wie sind deine Werke so groß!
Deine Gedanken sind sehr tief.
Ein Törichter glaubt das nicht,
und ein Narr ist, wer das nicht begreift.
Du, Herr, bist der Höchste
bleibest es ewiglich.

Psalm 92, 4b.6.7.9

 Liebe Gemeinde!

Ist ihnen schon einmal aufgefallen, wie dieser Lobpsalm und andere Lobspalmen sprachlich gebaut sind? Haben sie schon einmal darauf geachtet? Das Besondere an Ihnen ist, dass Gott als Schöpfer, als großes DU immer zuerst genannt wird. Der Beter nimmt sich zurück. Nicht das neuzeitliche ICH steht im Vordergrund, sondern das DU Gottes.  

Hinter diesen frommen Übung, dem DU Gottes die erste Stelle und den ersten Rang einzuräumen, steht mehr als eine sprachliche Spitzfindigkeit. Hier bildet sich ein Wissen ab. Gott ist zuerst zu nennen, wenn der Mensch die Schöpfung besingt, weil er der Schöpfer ist. Sein Du vor dem eigenen Ich zu nennen, ist kein poetischer Kunstgriff, sondern Bekenntnis, Ausdruck einer guten Ordnung. ER ist anzusprechen und zu loben, bevor man ihm das eigene Leben ausbreitet und anbefiehlt.

Das ist, liebe Gemeinde,  keine Frage des seichten Stils. Dahinter steckt eine ganze, tiefe, dem frommen Menschen wesentliche  Weltsicht. Es ist Weisheit, die hier zum Ausdruck kommt. Ein Denken, ein Fühlen, ein Leben, ein Handeln und Hoffen, das nicht mit dem „Ich“ beginnt, sondern mit dem Namen dessen, der als waltender Geist die belebte und unbelebte Schöpfung durchdringt und tatsächlich erst belebt. Mag der Mensch arbeiten, werkeln und zappeln, wie er will. Sein Wesen gewinnt er dadurch, dass er Gott kennt und ihn Gott sein lässt.  

Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn zu danken und lobsingen deinen Namen, du Höchster.“

Dreifache Anrede Gottes in einer einzigen Gebetszeile! Das ist, liebe Gemeinde, liebe Jägerinnen und Jäger, liebe Reiterinnen und Reiter so etwas wie eine programmatische Umkehr des eigenen Selbstverständnisses. Das ist eine bewusste Abwendung von einem allein Ich-bezogenen Welt und Selbstbild, das ist die Hinwendung  zu einer kommunikativen Lebenshaltung, die ein Gespür dafür hat, wie wertvoll und Beziehungsvoll das Miteinander in der Schöpfung ist.      

Hubertus, der selbstbezogenen Ich-Mensch, der sich selbst am Karfreitag nicht entschließen kann, Gottesdienst zu leben, wie es in der Legende heißt, bricht biografisch und praktisch mit seiner ich-bezüglichen Welt- und Lebenssicht. Er beginnt neu mit Gott zu kommunizieren. Im Geweih eines Hirschen erscheint im das Kreuz Christi. Auch hier, in dieser schönen Legende von der Umkehr eines Menschen, steht Gott an erster Stelle. Es ist ja nicht Hubertus, der sich entschließt, umzukehren. Sondern Hubertus wird durch die Vision im Wald quasi in die neue Lebenshaltung geschickt, geschubst, geworfen. Hubertus erfährt seine Bekehrung. Und, liebe Gemeinde, an ihm erkennen wir, was Bekehrung wirklich heißt: neuer Glauben und Frömmigkeit sind nicht Leistungen zu einer neuen Ichbezüglichkeit. Sondern Gott greift sich Raum. Das Erhabene gewinnt Bedeutung. Das Kreuz wird zum Symbol für den Ort, an dem ich erkenne, wer Gott ist. Und wo ich Gott erkenne, da erkenne ich mich. Da erkenne ich, wie  angewiesen ich auf geschenktes  und beziehungsvolles Leben bin. Der Mensch geht auf die Knie. Gott ersteht zu einem neuen, großen DU in meinem Leben.  

Es gibt also zwei Arten von Frömmigkeit: Gottesfrömmigkeit und Ichfrömmigkeit. Gottesfrömmigkeit ist selten und sie ist wie ein Schatz. Sie ist wie eine seltene Blume im Garten der Religionen. Wo sie blüht, da blühen  Gerechtigkeit, Friede und die bewusste Hinwendung zur Mitkreatur. Darum ist die Hubertus-Legende als Gottes-Glauben-Legende so wichtig und wird im gesellschaftlichen Bewusstsein geschätzt. Sie ist alles andere als ein romantischer und etwas dümmlicher Restbestand eines unaufgeklärten Glaubens. Die Hubertuslegende ist eine Weisheitslegende, wenn man so will. Eine Erinnerung an ein Wissen, dass der Mensch gerne vergisst. Dieses Wissen lautet. wo der Gott-Glauben lebt, da haben Heil und Leben eine Chance. Da gesundet das Leben. Da sind Neuanfänge möglich und Umkehr.

Daneben gibt es die weitaus häufigere Ich-Frömmigkeit. In ihr setzt sich der Gläubige selbst ins Recht und Regiment. Und bald treten die Frömmigkeiten zueinander in Konkurrenz. Es klirren die Schwerter und explodieren die Bomben. Blutige Leiber liegen zerfetzt auf den Straßen und die Ich-Frommen toben und wüten und führen GOTT wie Gift im Mund. Wir alle können ein Lied davon singen, wohin Ich-Frömmigkeit Menschen führen kann und welchen Leid solche Frömmigkeit verbreitet.  

Hubertus lässt sich von Gottes großem, schöpferischem DU zu einer neuen Gott-Frömmigkeit aufstellen. Er lässt sich zu einer neuen Existenz rufen. Und wer einen Hubertusgottesdienst feiert, der verschafft der Frage Raum, wie sich Gottes DU und menschliches Ich zueinander stellen. Das ist es, was uns heute hier in diesem Hubertus-Gottesdienst zueinander stellt. Die Frage, wie Gottes DU und unser Ich miteinander zu tun haben.  

Ich denke, dass man Gott-Frömmigkeit gut als Beziehung beschreiben kann. Als eine Beziehung, in der aus Gottes DU und des Menschen Ich etwas Wunderbare wird. Nämlich Schöpfung mit Lust auf Zukunft und Frieden und Gerechtigkeit. 

Wenn sie Reiterinnen und Reiter sind, dann haben sie durch ihrem intensiven Umgang mit ihren Pferden eine sehr konkrete Vorstellung davon, was ein verlässliches DU im Leben bedeutet. Pferde sind ja mehr als Werkzeuge oder Sportgeräte. Sie sind Gefährten, Partner, Freunde, Kameraden. Sie reiten als Teams. Pferd und Mensch, ob auf der Jagd,  ehemals auf dem Acker oder wo auch immer. Sie sind gemeinsam mit ihrem Pferd mehr als jedes einzelne Wesen für sich selbst. In der Beziehung liegt die Kraft. In der intensiven Begegnung und Kommunikation liegen die Potentiale an Schelligkeit, Kraft und Geschick und auch Erfolg.     

Ich meine, dass wird dieses einende Erkennen, dieses aufeinander bezogenen Denken, dieses vom reinen Ich-Kult befreite Denken auch im Hinblick auf unserer ganzes Leben brauchen. Wir müssen und sollen Gott wieder erkennen als uns tragenden Gefährten auf einem Weg zu mehr Kraft und Vermögen. Die Schöpfung selbst ist durchzogen von einem großen Teamgedanken. Und darum ist es dumm und töricht, wenn wir unser Leben so gestalten, als reichte es aus, wenn am Ende nur noch ein paar Menschen übrig bleiben würden. Diese Übriggebliebenen werden einen traurigen Seelentod sterben.   

Einendes Handeln und einendes Erkennen achtet auf Balancen. Einendes Erkennen und einendes Handeln bedenken die Kräfte, von denen ich lebe. Einendes Erkennen kultiviert das DU Gottes, von dem aus sich die weitere Perspektive für mein Urteil ergibt.

Die Hubertuslegende erinnert an die Chancen solchen Denkens. Die Legende ist dabei ganz im Stile des Schöpfungslobes gebaut. Ein Mensch, ichbezogen und völlig außer Balance, erfährt am DU Gottes die neue Wirklichkeit. Gott und Mensch finden zusammen und erreichen ein neue Qualität. Schöpfer und Geschöpf werden komplett in der einenden Sicht der Kräfte. Mensch und Schöpfung kommen einander näher, wenn zum Beginn des Gebetes das Lob des Schöpfers steht und nicht das Lob des eigenen Glaubens.  

Nur dort, wo Gottes DU zu unserem Ich dazukommt, nur dort, wo der Schöpfer als Gegenüber erkannt und angebetet wird, nur dort, wo Gott und Ich füreinander resonanzfähig bleiben, wird das Leben gelingen. Auf Gott ruf wagen wir eine Antwort. Und wo wir auf Gottes Ruf antworten, werden wir erst verantwortungsfähig.

Ein lächerlicher Tor der Mensch, der meint, er können Welt und Leben besser bewältigen, wenn er das DU Gottes vermeidet und ausblendet. Wenn er meint, der Reichtum der Schöpfung sei eine lästige Unordnung, die es zu reduzieren gilt. Wenn er meint, die Verschiedenheit der Menschen sei eine überwindbare Schwäche der Natur. Wir haben nicht die Schöpfung zu reduzieren, um überleben zu können. Sondern wir haben unseren Mutwillen zur Zerstörung zu reduzieren und dem Geist Gottes Raum zu geben. Wir sind eingeladen, uns das Du Gottes zu erschließen und uns durch Gott erschließen zu lassen. Als Geschöpfe werden wir füreinander lesbar, erkennen wir den Teamgedanken, der die Schöpfung durchzieht.  

Der im Wald vor dem Bild des Kreuzes betende Hubertus ist das Bild für den Menschen, der etwas erkannt hat. Der Mensch vor Gott auf den Knien, das ist kein Zeichen der dummen Unterwerfung, sondern ein Symbol für Weisheit und Erkenntnis. Und in diesem Bild bildet sich gleichzeitig ab, dass ich als Mensch auf der Suche nach Gott etwas erkannt habe. Jenseits von Hast und räuberischer Lust verweile ich inmitten der Schöpfung, verharre und lasse mir gefallen, dass ich selbst Geschöpf bin. Gemacht, nicht der Macher, geschaffen, nicht der Schöpfer, geliebt, nicht die Liebe. So kommt in die Balance, was neu in die Balance kommen muss: Gott als mich berufendes DU und ich als Geschöpf mit Möglichkeiten und Chancen.  

Ihnen allen, die sie heute diesen Sonntag begehen, ob als Reiterinnen oder Reiter, Jägerinnen oder Jäger oder wie auch immer: ein herzliches Gottbefohlen. Und das heißt: einen guten Weg zur schöpferischen Balance zwischen Gottes großem DU und Ihrem lebendigen Ich. Amen

Und Gottes Friede, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn und Heiland. Amen

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