zurück

Hubertuspredigt 2005
Jagd ist so gut oder schlecht, wie der Jäger gut oder schlecht ist.

Kirchengemeinde Venne

Sprüche 12, 10

Rolf Adler

 Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

 Liebe Gemeinde!

Die Hubertuslegende ist unterschiedlich überliefert. Hubertus soll an einem Karfreitag oder an einem Sonntag gejagt haben. Plötzlich taucht ein Hirsch vor ihm auf. Mal ist der normal gefärbt, mal wird der als weiß beschrieben. Als Hubertus seine Armbrust anlegt und gerade abdrücken will, erscheint im Geweih des Hirschen ein Kruzifixus. Hubertus erschrickt. Er lässt die Waffe sinken. Und er hört eine Stimme, die sagt: Hubertus, warum verfolgst du mich?   

Warum Hubertus die Feiertage nicht achtet, warum er die Gegenwart Gottes missachtet, ist auch verschieden überliefert. Einmal wird er als selbstbezogener und gottvergessener wilder Hubert beschrieben. Eitel und voller Hochmut stellt er seiner Beute nach. Ein anderes Mal wird erzählt, Hubertus habe Frau und Kind verloren. Verzweiflung und Gram hätten ihn aus der Lebensbahn geworfen.  

Wie auch immer man die Legende erzählt, eines bleibt gleich: Nicht Hubertus ist die Hauptperson in dieser Legende. Nicht Hubertus handelt. Nicht Hubertus ist sich selbst der Anstoß zur Rettung. Es ist Gott, der da handelt. Es ist Gott, der in das Leben des armen, wilden Hubert eingreift und ihn zurückholt in seine Liebe. Hubertus ist nicht Retter, er ist Geretteter – nach der Legende - Geretteter. 

Es geht in der Hubertuslegende also nicht um einen Helden des Glaubens. Es geht nicht um einen Übermenschen, der sich selbst am Schopf aus dem Lebenssumpf zieht. Es geht um einen verlorenen oder versagenden, um einen verzweifelten oder hochmütigen Menschen, der von Gott an unvermuteter Stelle aufgesucht und heimgesucht wird. Im Zentrum der Legende steht nicht ein Mensch, der geläutert und erneuert zum Vorbild für einen großen Glauben wird. Im Zentrum steht Gott. Jener Gott, der sich im Bild seines Sohnes mitten im Leben von Neuem zu erkennen gibt. Mitten im Leben – das heißt für Hubertus: da, wo ihm das Leben am meisten weh tut. Wo es für Hubertus am dunkelsten geworden ist. Wo es für ihn zwar wild hergeht, aber nicht lustig. Wo das Abenteuer lockt, aber schon lange kein Sinn mehr zu finden ist. Wo es Zerstreuung gibt, aber keinen Auftrag mehr, der das Leben lohnt. Hubertus erhält, wenn man so will, einen neuen Lebensauftrag. Er ist nach der Begegnung wieder Gottes Gesandter. Er hat wieder ein schöpferisches Mandat. Er ist zurückgestellt in die Ordnung, wie Gott sie erdacht und ins Werk gesetzt hat.   

Liebe Jägerinnen und Jäger!
Wenn wir heute hier in Venne einen Hubertusgottesdienste feiern, dann betreiben wir keine Verehrung eines Glaubenshelden. Sondern wir versuchen mit den Mitteln, die Jägerinnen und Jäger haben, Gottesverehrung. Wir versuchen, uns auf einen Auftrag zu besinnen. Auf unser Mandat in der Schöpfung. Auf unser Mandat zu einem sinnreichen und sinnhaften Leben.  

Jesus wird in der Legende von einem Hirschen mitten in das Leben eines verirrten Menschen getragen. Mitten in das Leben eines Menschen, der sich entweder in seinem Hochmut oder in seinem Kummer verloren hat.  Das ist keine Heldengeschichte. Das ist kein Siegermythos. Das ist eine Rettungsgeschichte. Und im Zentrum dieser Rettungsgeschichte steht, das mein Leben, mein Tun, mein Handeln eine Beziehung zu Gottes Willen haben darf. Gott berührt die Seele des wilden Hubert von Neuem und holt sie zurück ins Licht. Aus dem wilden Hubertus wird der fromme Hubertus. 

Die besondere Einladung der Hubertuslegende heißt nicht: schön, dass es hier einer geschafft hat, was wir niemals schaffen werden. Sondern die Botschaft dieser Legende lautet: du darfst dich von Gott an deiner Seele berühren lassen. Du darfst dich beleben lassen. Du darfst dich zurecht bringen lassen in deinem Alltag.  Dort, wo du deiner Arbeit und deinem Werk nachgehst. Dort, wo wir den Gefährdungen durch Hochmut oder Kummer, durch Stolz oder Verzweiflung direkt ausgesetzt bist. Dort, wo wir an der Schnittstelle von Leben und Tod auch blutig in die Schöpfung eingreifen. Wo wir Mitgeschöpfe töten. Wo wir uns Leben aneignen, auch an dieser empfindlichen Stelle des Lebens trägt dir Gott seine Liebe an und stellt dich so auf, dass du dich nicht verlierst an Hochmut und Arroganz.  

Martin Luther ist einmal gefragt worden, ob die Jagd etwas Gutes oder Schlechtes sei. Und er soll geantwortet haben: Jagd ist so gut oder so schlecht, wie der Jäger gut oder schlecht ist. Es macht also einen Unterschied, ob wir mit gottberührter Seele jagen oder nicht. Ob wir aus guten Gründen jagen oder aus schlechten. Es macht einen Unterschied, ob wir das Lebensrecht der Mitschöpfung hin und wieder aus unserem Gutdünken ableiten, oder ob wir uns den Blick dafür schulen, dass die Mitschöpfung von Gott geschenkte Grundrechte hat.  

Es macht einen Unterschied, ob wir uns als beziehungslose Herren über die Schöpfung stellen. Sie dabei ausbeuten und knechten. Oder erkennen, dass wir ein Teil der Schöpfung sind, der ihr Sorgfalt schuldet.  Ich habe die Hoffnung, dass die Berührung der Seele durch Gott jene lebenswichtige Geisteserhellung darstellt, die wir dringend brauchen, um zu überleben. Der an sich gottlosen Selbstbezüglichkeit des Menschen wurde und wird viel zu viel Schöpfung geopfert.  

Der Mensch als zügelloser Primat ereignet sich aber nicht vornehmlich in den Revieren, wo wir mit Büchse und Flinte jagen. Wer das behauptet, der hat nicht richtig hingeguckt. Zügellos, unberührt an der Seele, leben wir dort, wo wir zerstören, was andere Geschöpfe zum Leben brauchen. Die rote Liste der bedrohten Arten wird jeden Tag länger. Wichtige Lebensräume werden jeden Tag kleiner. Der Mensch lebt, als könne er morgen eine neue Welt kaufen gehen. 

„Der Gerechte“, so heißt es im Buch der Sprüche, „der Gerechte  kennt die Bedürfnisse seines Viehs, das Gemüt der Sünder ist grausam.“ Sprüche 12,10.  

Übertragen heißt das: Wer an der Seele von Gott berührt ist, der Gerechte, der weiß um den Wert der Mitschöpfung. Das Gemüt der Sünder, der Gottfernen, der Vernichter, der  Zerstörer ist grausam.“

Was heißt es aber nun konkret, liebe Jägerinnen und Jäger, an der Seele berührt zu jagen? Sich also bewusst als Mitarbeiter an der Schöpfung einzubringen?

An der Seele berührt zu jagen heißt, dass im bewusst und gezielt herbeigeführten Tod des Mitgeschöpfes die Hinwendung zum Leben erkennbar werden muss. Ich bin auf diesen Gedanken gekommen durch ein altassyrisches Rollsiegel aus der Zeit lange vor Christus. Da tötet ein Assyrer einen Löwen mit einer Sichel. Und er tut dies, um ein Kalb zu schützen.  

Wir haben Antwort auf die Frage zu geben, wozu wir Wild erlegen. Wir haben Antwort auf die Frage zu geben, wen oder was wir schützen, wenn wir einem Tier das Leben nehmen.  

Wenn wir als Jägerinnen und Jäger ein Mitgeschöpf vom Leben in den Tod befördern, dann muss in dem Tod des Geschöpfes Fürsorge für die Schöpfung sichtbar und erkennbar sein.  

Wenn wir Populationsdichten regulieren, dann aus solcher Fürsorge. Wenn wir den Ausgleich von Wild und Landschaft betreiben, ist das Fürsorge. Wenn Biotoppflege betreiben, dann ist das Fürsorge. Wenn wir dann auch noch das Wildbret genießen können, freuen wir uns und langen kräftig zu. Die moderne Jagd ist einem Sinn verschrieben. Sie ist kein Privileg zum Zeitvertreib und zum geselligen Räubern..  

Auf der anderen Seite: zu hohe Schalenwildbestände widersprechen solchem Auftrag. Ideologische Besitzansprüche an Wild und Wald widersprechen solchem Auftrag. Waidgerechtes Werk, liebe Jägerinnen und Jäger, ist gerechtes Weidwerk. Und es  beginnt immer mit der Erleuchtung der eigenen Seele. Es gilt die Frage zu klären, in wessen Auftrag wir schalten und walten.  Es geht um die Frage, ob auch wir Gottes Hinweis und Willen im Antlitz der Schöpfung erkennen und sehen. 

Ganz getrost können wir dabei jenen immer wieder vorgebrachten Einwänden begegnen, die im Töten von Tieren grundsätzlich einen Widerspruch zu Gottes Willen erkennen. Schließlich heißt es doch im 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Wir wissen heute, dass das 5. Gebot ein Gebot für das Leben der Menschen untereinander ist. Verboten sind hier gemeinschaftswidriges Töten und Mord. Hätte Jesus dieses Gebot auf die gesamte Schöpfung ausdehnen wollen, er hätte seine Jünger wohl kaum geschickt, ein Passalamm zu schlachten. Er hätte die Säue nicht ins Meer getrieben, um den bösen Geist zu vernichten. Das 5. Gebot zum archimedischen Punkt einer Schöpfungsideologie zu machen, die Sterben und Tod ausklammert, mag gut gemeint sein. Auf die Bibel oder auf Jesu Lehre wird sie sich kaum berufen können.  

An der Seele berührt zu jagen heißt: Ich lasse mich in den Dienst nehmen. Ich unterwerfe mich dem Gedanken, dass die Schöpfung einen ganz eigenen Wert hat. Einen eigenen Wert, der nicht in meinem Denken und Verstehen begründet ist. Sondern der mir als Ordnung und Richtschnur vorgegeben ist.

Ich lasse mir auch und gerade als Jägerin und Jäger eine übergeordnete geistliche Instanz gefallen. Als Christin und als Christ, evangelisch oder katholisch, das spielt hier keine Rolle. Ich lasse mir eine Instanz gefallen, der ich Rede und Antwort stehe. Von der ich Klärung erwarte.  

Schöpfung ist also kein Ort, irgendwo und nirgends. Die Schöpfung ist eine Form, in der Gott mir entgegentritt. Und überall in dieser Schöpfung steht das Kreuz. Als Zeichen der Liebe unseres Gottes, der uns nicht in unseren täglichen Verfehlungen versaufen lässt. Sondern der uns anspricht und von neuem an der Seele berührt. Du totes Holz darfst blühen. Heißt du nun Jäger und Landwirt, Schlachter oder Förster, Handwerker oder Lehrer, Verwaltungsfrau oder Politiker.  

Gott, die schöpferische Liebe lässt uns mitmachen. Ich atme die schöpferische Kraft und Wirklichkeit, der ich mich selbst verdanke. Hier erst finde ich als Mensch zu mir selbst und zu meiner Bestimmung. 

Die entscheidende Frage an uns Jägerinnen und Jäger lautet: bringen wir mit dem, was wir tun und lassen, das Leben zu seinem Recht? Haben wir Anteil an der schöpferischen Kraft? Oder manifestiert sich in unserem Handeln beziehungslose Raublust? Ebene nur jener dunkle Teil von mir, der von Gott neu berührt werden muss? 

Hubertus, so wird erzählt, hat in solcher Dunkelheit gejagt. Geistig umnachtet, sei es aus Hochmut oder Traurigkeit. Gott stellte im ein Mitgeschöpf als Boten in den Weg und erhellte, berührte, erneuerte seine Seele.  

Zum Schluss:
Liebe Gemeinde, liebe Weidgenossinnen und Weidgenossen!   
Hubertusgottesdienste sind keine musikalischen Veranstaltungen der Heldenverehrung. Die Jagdhörner blasen uns zum heute Aufbruch. Zum Aufbruch einer bedeutungsvollen Jagd. Zum Aufbruch in den Dienst. Zum Aufbruch zur Suche nach Gottes Zeichen für uns. Und wir sollen die Augen offen halten, damit wir unseren Berührungshirsch, unseren Umkehrhirsch, unser Zeichen nicht verpassen oder übersehen.  Vielleicht begegnen wir ihm ja schon heute Abend auf dem Ansitz. Irgendwo wartet Gott mit einem Zeichen auch auf uns.   

Darum feiern Jägerinnen und Jäger sich in Hubertusgottesdiensten nicht selbst. Sondern bitten um Erneuerung. Um Begegnung mit dem Geist, der uns Schöpfung und Leben mit Gottes Augen sehen  lehrt. Dazu sind wir berufen. Dafür steht die Hubertuslegende. Darum bitten und beten wir. Amen

 zurück