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Hubertuspredigt 2003
Mit Gott das Nichts überwinden.

Rolf Adler
Sankt Marien-Kirche in Plate (Wendland) 2003

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!

Jägerinnen und Jäger brauchen ein besonderes Gespür für ihre Verantwortung. Sie arbeiten an der Schnittstelle von Leben und Tod. Sie greifen unumkehrbar in Freiheits- und Lebensrechte von Mitgeschöpfen ein. Hat ein Jäger z.B. beschlossen, ein Stück Wild zu erlegen, und führt er diesen Entschluss mit Büchse, Flinte oder Falle aus, dann ist sein Handeln unumkehrbar. Es gibt keine Wiederherstellung des vorherigen Zustandes. Das Tier ist tot und bleibt tot. Gesellt sich dem bewusst herbeigeführten Tod des Mitgeschöpfes nicht so etwas wie Sinn zu, dann bleibt der Tod sinnlos. Dann ist das Ergebnis des Jagd“erfolges“ Schuld. Dann bleibt nur die Klage der Schöpfung über den fehlbaren, leichtsinnigen und sich verfehlenden Menschen. Das soll - so die Bibel - nicht sein. Verfehlung und Schuld sind nicht der Sinn menschlicher Existenz.

In den Hubertusgottesdiensten geht es um die Erinnerung an die besondere Verantwortung an der Schnittstelle von Leben und Tod. Leben und Wissen, Handeln und Denken kommen zueinander. Leben und Glauben, Arbeit und Verantwortung berühren sich. Dem Tun, auf das wir als Jägerinnen und Jäger blicken, gehen unsere Gedanken voraus. Und den Plänen, die wir hegen und haben, gehen gottnahe Gedanken vorweg. Verantwortung, wie die Bibel sie versteht und uns in Erinnerung bringt, beginnt mit der gewollte und gepflegten Nähe zum Leben und zu Gott, zum Leben und der Frage nach dem Sinn und dem Guten.

Dass solche Erinnerung nicht trocken, spröde und wortübergewichtig lehrhaft daherkommen müssen, dafür sind unsere Hubertusgottesdienste gute Beispiele. Ein alter Merkspruch aus der Studentenzeit sagt: „Ethik fragt nach dem Guten in uns, Ästhetik fragt nach dem Schönen um uns.“ Ethik und Ästhetik begegnen uns in den Hubertusgottesdiensten wie Geschwister, als die Frage nach dem Guten und die Freude an dem Schönen. Das Gute kommt in der Sprache zu Ohren, in den Texten, die wir lesen, in den Worten, die wir hören. Das Schöne kommt zum Klingen, wo die Hörner sich mit unseren Gebeten treffen und wo wir uns an festlichen Kirchenräumen freuen können. Sankt Marien hier in Plate ist ein besonders schönes Beispiel für eine Ästhetik, die aus Glauben kommt.

Wir feiern schöne Hubertus-Gottesdienste. Wir tun dies, und vergessen dabei nicht, dass die Hubertuslegende in ihrem Kern eher widerspenstig ist. Ganz ohne Sentimentalität wird erzählt, dass ein Mensch sich verändern musste, um wieder mit Gott in Kontakt, d.h. in eine lebendige Beziehung zu kommen.

Hubertus jagte an einem Karfreitag. Seine Zügellosigkeit und Missachtung der Gegenwart Gottes waren übermächtig geworden und hatten sich so entwickelt, dass das Leben dieses Menschen missgestaltet war. Nicht viel mehr als ein Nichts war es. Huberti adlige Möglichkeit, alles haben und alles tun zu können, trägt in der Legende nicht mehr die Signatur eines Gottesdienstes im Alltag der Welt. Hubertus hat sich ganz und gar an die Selbstbezüglichkeit und Gottesferne verloren. Er hat die Frage nach dem Guten und Schönem, das von Gott kommt, vergessen. Gott ist ihm aus dem Sinn gefallen. Er hat Gott verloren, er ist Gott los. Er vegetiert – wenn man so will, wie ein Tier. Ohne Gottesbewusstsein und damit ohne echtes Selbstbewusstsein. Er ist nicht mehr als ein biologischer Prozess ohne geistliche Beziehung und Fülle. Ohne Liebe! Ohne Frage nach dem Guten! Ohne Sensus und Sensibilität für seine Mitwelt! Hubertus ist nur noch der wilde Hubert, der den Mitgeschöpfen sinnlos ins Leben fährt – ohne Einsicht, Umsicht und Perspektive.

Die Hubertuslegende erinnert in ihrem ersten Teil also daran, wohin ein Mensch geraten kann, der sich in seinen Möglichkeiten und Privilegien verliert. Der seine Beziehungen vergisst. Hubertus jagt, weil er angeborene Privilegien besitzt, nicht weil er sich irgendeiner Sache verpflichtet sähe oder mit irgendeinem Auftrag erfüllt wäre.

Was dem flüchtigen Betrachter vielleicht als große, sogar beneidenswerte Freiheit scheint, offenbart sich bei näherem Hinsehen als traurige Nähe zum Nichts. Hubertus ist am Ende seiner selbstgeformten und darin verformten Existenz. Mehr Sinnlosigkeit, mehr Leere, mehr Traurigkeit und Verlorenheit lassen sich kaum denken.

Der Umbruch in diesem Leben. Der Neubeginn muss darum radikal sein. Gott, so die Legende, nimmt sich dieses Lebens von Neuem an. Gott spielt das Nullsummenspiel dieses verlorenen Adeligen nicht mit. Er stellt sich als umwerfende Anrede mitten in seinen Weg. Er hilft heraus aus seiner Selbstverkrümmung und stellt Hubertus auf zu einem neuen Ziel und Werden und Sein. Das ist ein Akt der Gnade! Und wir wissen, was Gottes Gnade hier ist: Gnade ist Gottes Treue gegen unsere oft dämlichen und heillosen Nullsummenspiele. Gott stellt sich gegen unsere Spiele ohne richtigen Einsatz und ohne Aussicht auf wirklichen Gewinn.

Der Ruf Gottes ereilt Hubertus unvermutet und überwältigend: im Geweih eines Rothirschen, so die schöne Legende, erscheint ein Kruzifixus. Gott wandelt vor den Augen des Hubertus das Objekt seiner leeren Begierde zum Ereignis einer neuen Erkenntnis und Erfahrung. Wieder, liebe Gemeinde, liebe Jägerinnen und Jäger, wieder haben wir ein Bild dafür, was Gnade ist. Gnade ist die Verwandlung eines Objektes, eines Opfers der Begierde, in ein Ereignis der Erkenntnis und Erfahrung. Gnade schafft Wunder. Gnade schafft Erkenntnis. Gnade schafft Beziehung und die Chance, neu zu beginnen.

Der Existenzwandel vollzieht sich radikal und zu einem neuen Leben. Hubert jagt nicht mehr. Die Signatur seines neuen Lebens ist gegenüber dem alten Leben eine ganz andere. Er wird zum uneingeschränkten Repräsentanten der Gegenwart und Zuwendung Gottes. Er wird zu einem Heiligen. Heilige wissen nicht nur für sich selbst um Gottes Gegenwart und Macht, sie sind selbst lebendige Einladung zu Gottes Reichtum. Heilige behalten Gott nicht für sich. Sie schenken ihn weiter. Sie erzählen nicht nur davon, wie Gott wirkt, sie wirken im Namen Gottes. Wenn Hubertus nicht mehr jagt, dann nicht deswegen, weil die Jagd an sich ein Frevel wäre. Wenn Hubertus nicht mehr jagt, dann deswegen, weil Gott das neue Leben aus Gott ihn vor ganz neue Aufgaben und Ziele stellt. Hubertus arbeitet nicht mehr an der leiblichen Welt, sondern an der geistlichen.  

Für Jägerinnen und Jäger, die heute mit dem Anspruch jagen, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun, bleibt Hubertus der Stachel im geschäftigen Fleisch. Eine Art Dorn, der durch Lederhose und Lodenjoppe geht. Hubertus repräsentiert die Frage, nach welchen Mustern wir uns in unsere Alltag aufstellen. Welche Anteile an Natur und Geist, an Natur und Schöpfung wir in uns zusammen bringen. Bringen wir sinnvolles Handeln zustande, haben wir Perspektiven, erarbeiten wir Sinn, oder agieren wir selbstbezüglich und geistlos and en Objekten der Natur?

Die Jagd als leichtsinniges und zeitvertreibendes Hobby, als reiner Selbstzweck und pure Belustigung fällt aus den Möglichkeiten einer verantwortlichen Existenz heraus. Denn verantwortliche Jagd ist immer eingebunden in die Frage, zu wessen Nutzen und in wessen Geist gejagt wird.

Jägerinnen und Jäger erfüllen einen Auftrag. Sie arbeiten heute an einer Balance, die Gott einst anders geregelt hatte. Die der Mensch als Teil der Natur umgeordnet und auch in Unordnung gebracht hat. Und die sich nun als Aufgabe an ihn und zum Teil auch gegen ihn richtet. Was wäre wohl auf unsern Feldern los, wenn wir dem Schwarzwild nicht nachstellen würden? Wir hätte als Landwirte noch mehr vergebliche Arbeit und Mühe. Und letztendlich würde die Natur einem großen Seuchenzug selbst die Bestände lichten. Sie würde zu einem Mittel greifen, das vor unseren Hausschweinbeständen nicht Halt machen würde.

Was heißt es hier, an dieser konkreten Stelle, verantwortlich zu handeln? Die Natur sich selbst überlassen --- ? oder Schwarzwild intensiv zu bejagen und das Fleisch einem sinnvoller Verwendung zuführen?

Aus dieser Begründung für den Sinn der Jagd ergeben sich aber Verantwortlichkeiten auch auf anderen Gebieten unserer Arbeit in den Revieren. Jägerinnen und Jäger haben es zu unterlassen, Bestände künstlich zu päppeln. Wer an der einen Stelle glaubwürdig sein will (sinnvolle Jagd auf Schwarzwild) darf sich auf der anderen Seite nicht unglaubwürdig machen (Fütterungen und Kirrungen, die schwach konstituierte Kreaturen über den Winter bringen). 

Die Natur schneidet sich ins eigene Fleisch, wenn es ihrer Gesundheit dient. Und wenn wir der Natur ins Fleisch schneiden, dann stellt sich ebenfalls die Frage, wessen Gesundheit und Gesundung dient unser Tun? Wer als Mensch das Leben eines Tieres nutzt, in dem er das Tier für sich arbeiten lässt oder dessen Leben nimmt, ist mit der Frage nach dem Wie und Wozu konfrontiert. Wir können uns als Menschen von dieser Frage nur dispensieren um den Preis, Lebenssinn und Lebensqualität zu verlieren. Hubertus, der sich diesen Dispens selbst erteilt hatte, wurde durch Gott selbst überwunden und zurecht gebracht.

Die Frage nach einem verantwortlichen Umgang des Menschen mit der Natur ist aber nicht befriedigend zu beantworten, in dem man den Regelkräften der Natur immer und in jedem Fall den Primat einräumt. Solche Leichtfertigkeit im Umgang mit unserer Verantwortung grenzt an Einfältigkeit. Als Menschen sind und bleiben wir Teil der Natur. Unser Handeln an der Natur bleibt immer ein Stück Natur, schließlich ist der Mensch selbst ja Produkt der Natur, wenn auch ein besonders geformtes und ausgestattetes. In denen ethischen Entwürfen, die in jedem Fall eine Zurückhaltung des Menschen fordern, wohnt ein großes Maß an Überheblichkeit. Denn was ist der Mensch, dass er sich als Teil der Natur davon dispensieren kann, Verantwortung für die Natur und damit für sich selbst zu übernehmen? Oder anders gefragt: Wann findet der Mensch zu seiner schöpferischen Bestimmung: wenn er sich passiv verhält oder wenn er aktiv Verantwortungsbereiche ausfüllt, die ihm durch sein Vermögen und durch seine Begabung zukommen?     

Wäre der Verzicht auf eine verantwortungsgebundene Jagd ein Zeichen für eben diese Verantwortung oder nur leichtfertige Vernachlässigung? Wird das natürliche Freiheitsrecht der wildlebenden Tiere durch die Jagd missachtete, oder ist die Jagd ein Teil der Natur selbst und damit natürliche Begrenzung jener Freiheit? Stehe ich als Jägerin und Jäger in einem schöpferischen Dienstverhältnis?

Ethisch zu existieren und dem eigenen Leben eine Wertesignatur zu geben, heißt nicht, alles ein für allemal und heute beantworten zu können. Auch sind wir nicht gezwungen, in jedem Fall ein arrogantes Nein oder Ja vor uns herzutragen. Wer so handelt, handelt ideologisch, nicht ethisch. Die Figur des Hubertus steht für die Lern- und Wandelfähigkeit unserer Existenz. Er steht für das Vermögen, als falsch Erkanntes morgen anders zu machen und zu beurteilen. Gott legt uns nicht auf Standpunkte fest.  Er ermuntert, belebt, ermutigt zu neuem Denken und Leben.

Ich wünsche uns als Jägerinnen und Jäger, dass wir diese Offenheit erleben. Aber eben nicht als Zufall einer sich selbst genügenden Existenz, sondern als Ergebnis der intensiven Frage danach, wie Gott uns als Teil dieser Schöpfer in der Schöpfung gedacht hat.

Amen   

Und Gottes Friede, höher als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen

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