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Predigt für einen Hubertus-Gottesdienst
Keine Dürre der Achtlosigkeit

St.-Johannis, Lüchow, am 07.November 1998
Pastor Rolf Adler
Psalm 8,6+7

Gnade sei mit uns und Friede von Gott dem Vater unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!

Menschenkundler, Gesellschaftskundler und Theologen sind sich in einer Sache immer einig gewesen: der Mensch braucht neben technischem Wissen auch geistliches Wissen, um zu überleben. Ohne technisches Wissen, dem sog. Verfügungswissen würde der Mensch verhungern; ohne geistliches Wissen dem Wertewissen würde er verkommen!

Dass Verfügungs- und Wertewissen gleichermaßen zum Leben gehören, ist seit langem nicht mehr nur ein paar Wissenschaftlern klar, sondern das ist der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr ins Bewusstsein gedrungen. Und dies dort, wo wir uns mit den krisenhaften Folgen mangelnder Werteorientierung auseinander zu setzen haben. Es hat sich allgemeine Einsicht durchgesetzt, dass technisches Wissen allein nicht ausreicht, um Leben zukunftsträchtig zu gestalten. Was der Mensch in geistloser Lebensweise um sich herum verdirbt, das holt er technisch nicht wieder auf. Keinen noch so kleinen Käfer, den wir in fahrlässiger Missachtung seines Lebensrechts ausrotten, werden wir durch irgendeine Spitzentechnologie in Gottes Garten zurückbringen.

Wo Verfügungs- und Orientierungswissen dagegen zusammenfließen, da wächst dem Menschen "inspiriertes Verstehen" zu. Ein Verstehen, das mit einem schöpferischen, lebensfreundlichen Geist und mit einer guten, lebensfreundlichen Kultur im Bunde ist.

Wenn wir uns, liebe Gemeinde, in diesen Tagen landauf, landab zu Hubertusfeiern und zu Huberstusgottesdiensten versammeln, dann tun wir dies, um unser Wertewissen zu pflegen. Wir bekennen, dass auch wir auf geistliche Orientierung angewiesen sind, wenn wir nicht letztendlich verzweifelt neben den Trümmern unserer Geistlosigkeit zusammensinken wollen. Mit der Hubertustradition pflegen wir die traditionelle Verschränkung von Handeln und Geist.

Da wird - das wissen sie alle -, erzählt, dass einem bis dahin ziemlich geistlosen Jäger ihm Geweih eines Hirschen der gekreuzigte Christus erscheint. Und der wilde Hubert wandelt sich und wird zum Sankt Hubertus. Er geht auf die Knie, weil er voll ist, weil er erfüllt ist von inspiriertem Verstehen. Er geht als veränderter Mensch aus diesem Augenblick hervor. Er wird mit seinem ganzen Leben und seiner ganzen Person zum leuchtenden Beispiel für ein Wissen, das sich an Gott orientiert. Und er jagt nicht mehr.

Liebe Jägerinnen und Jäger! Er lässt die Jagd aber nicht deswegen, weil sie nicht überein zubekommen wäre mit einem Leben, das sich an Gott orientiert. Sondern Sankt Hubertus lässt die Jagd, weil er als ganz erfüllter, ganz geistreicher Mensch nun ganz auf die Seite Gottes gehört. Das ist ein Privileg des Heiligen. Heilige sind, wenn sie Legende und ehrwürdige Geschichte geworden sind, der Wechselwirklichkeit des Lebens enthoben. Heiliger zu sein heißt ja nichts anderes als abgesondert zu sein, ausgewählt, herausgenommen.

Wir, die wir mitten in diesem Leben nach Orientierung suchen, sind nicht abgesondert. Wir versuchen meist abseits von wunderbaren Erlebnissen jeden Tag von Neuem einen Weg zwischen technischem Zugriff und orientierender Erkenntnis. Das Erlebnis des heiligen, des abgesonderten Hubertus befreit uns nicht von der mühsamen Pflicht einer kultivierten Beziehung von technischem und geistigem Leben. Unser Ort der Bewährung ist und bleibt das schwierige Leben zwischen Verfügung und Orientierung mit dem Ziel einer lebens- und schöpfungsfreundlichen Kultur. Und totaler Jagdverzicht in der Nachfolge eines Heiligen Hubertus wäre aus Sicht unseres Wildes und aus Sicht unserer Wälder unter den gegebenen Umständen kein segensreicher Weg. Er wäre vielmehr der Beginn einer naiver und verantwortungslosen Vernachlässigung.

Liebe Gemeinde!
Die Hubertuslegende fügt sich aber nur auf den ersten Blick unserem landläufigen Verständnis. In der Regel wird die Legende ja in mystischer Tradition ausgelegt. Es wird dann gesagt, Hubertus erkenne im Hirschen, in eben diesem Geschöpf den Schöpfer. Das ist eine Deutung in der hohen mittelalterlichen Tradition einer Hildegard von Bingen, eines Franz von Assisi, eines Nikolaus von Kues; allesamt Mystiker. Mystik bedeutet hier "eingeweiht sein" (mystikos/myein). Hubertus wäre also ein Eingeweihter, der die reine göttliche Gestalt in der irdischen Kreatur erkennt. Der die Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf in der unio mystica überwindet.

Ich habe meine Zweifel, ob wir der Legende so heute wirklich etwas abgewinnen können. Ich halte die Tradition der Mystik, d.h. den menschlichen Wunsch der Verschmelzung zwischen Menschheit und Gottheit für eine faszinierende Sehnsucht mittelalterlicher Frömmigkeit. Auch schätze ich das, was eine Hildegard von Bingen an weiblicher Intuition und mystischer Energie gegen die weitverbreitete Dürre der Achtlosigkeit aufgeboten hat.

Ich bin aber zu sehr von Martin Luther auf das Kreuz Christi gewiesen, als dass ich in der Mystik heute eine Heimat finden könnte. Ich meine deshalb, Hubertus kniet nicht vor dem Geschöpf, weil er die Gottheit hinter diesem Geschöpf erkennt, sondern Hubertus kniet vor dem Kreuz Jesu Christi, das ihm im Geweih des Hirschen erscheint. Das Neue Testament lehrt nämlich, dass die Annäherung zwischen Gott und Mensch kein geistlicher Aufschwung vom Geschöpf zum Schöpfer ist. Sondern die Bewegung ist immer eine vom Creator zur Kreatur, vom Schöpfer zum Geschöpf.

Unter dem Kreuz also, dort, wo der Schöpfer in seinem Sohn an dieser Welt leidet und stirbt, wird sich der Mensch seiner Gefährlichkeit für die Schöpfung bewusst. Und er erfährt in diesem fürchterlichen Bewusstsein sein Urteil, sein Gericht. Er wird sich trotz seiner herausgehobenen Stellung in der Schöpfung, trotz seiner Urteilsfähigkeit und praktischen Intelligenz für alle Zeiten selbst zur bohrensten Frage. Und er weiß, dass er die Schöpfung, seine Mitgeschöpfe und sich selbst tödlich sein kann.

Die Hubertuslegende ist also entgegen verbreiteter Meinung keine sentimentale Verneigung vor guter alter Tradition, sondern aktuelle Anfrage an unsere Bußfähigkeit. Und diese Anfrage lautet: sind wir bereit, uns als Frage vor Gott anzunehmen und vor dem Schöpfer zu knien? Sind wir bereit, mit Gott, mit dem Schöpfer im Bunde Antworten auf uns und unser Leben zu suchen? Wenn wir es ernst meinen mit der Hubertustradition, dann stehen wir heute abend in dieser Kirche vor der Frage nach unserem Gottesverhältnis. Und die Frage nach dem Gottesverhältnis ist die Frage nach den Maßstäben unseres Handelns.

Die Jäger- und die Reiterschaft hält also mit der Hubertustradition an ihren Reihen die Frage nach dem Menschen wach - nichts anderes! Und wer Hubertus so feiert, der darf Antworten auf die Frage, wie er vor dem Schöpfer und in der Schöpfung zu stehen kommen, nicht schuldig bleiben, sonst bleibt er auf halben Weg in sich selbst stecken.

Wenn Jägerinnen und Jäger sich ernst nehmen als Frage vor Gott, dann kommen sie geistlich zu stehen zwischen der biblischen Ermächtigung, die Schöpfung in die Obhut zu nehmen und dem 5. Gebot, dem Tötungsverbot.

Und Gott sprach: Seid fruchtbar und werdet zahlreich und füllt die Erde und nehmt sie in Anspruch und nehmt in eure Obhut die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und alles Getier, das sich auf der Erde regt.

Für Jäger besteht die Aufgabe also darin, die Jagd als eine Form der Obhut auszuüben. Dabei gilt es jenen, die sich im Namen der Idee einer unantastbaren Schöpfung zu Jagdgegnern erklären, deutlich zu machen, dass es die unberührte Schöpfung nicht gibt. Das Paradies, so die Bibel, hatte ein Ende, als der Mensch sich die erste Frucht nahm. Damit war es vorbei mit aller herbeigesehnten Unschuld. Der Mensch lebt fortan herausgetrieben aus dem Garten Eden, der ja biblisches Ursymbol für unberührtes Leben ist. Und der Mensch kommt nicht mehr hinter seine Schuld zurück.

Ich achte jene, die meinen, für Schöpfungsfrieden kämpfen zu müssen. Meistens geschieht dies ja als verständlicher Reflex auf das Ausmaß der Zerstörung, die der Mensch inzwischen angerichtet hat. Ich achte auch die Einstellung und die Hoffnung derer, die ihren Glauben gegen eine fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ins Feld führen. Ich gehöre - hoffe ich - selbst zu ihnen.

Ich gehöre aber nicht zu denen, die die Jäger auf der Seite der Natur- und Kreaturschänder sehen. Ich habe, denke ich, gute Gründe, die Jagd anders zu beurteilen.

Ich frage z.B.:

- Wäre es im Sinne eines umfassenden Schöpfungsfriedens, wenn wir unsere Schwarzwildpopulationen hier im Landkreis der Schweinepest überließen?

- Ist der sinnlose Tod eines Stück Wildes durch den Straßenverkehr, der ja unzweifelbar durch Jagdverzicht zunehmen würde, näher an Gott als der sinnreiche Tod durch die Büchse des Jägers?

- Ist die Gewalt, mit der sich die Natur im Falle von Überpopulationen gegen sich selbst richtet, ethisch höher zu veranschlagen, als Jagd im Sinne nachhaltiger Natur- und Kulturarbeit?

Der Mensch ist doch nicht dazu geschaffen, die Hände in den Schoß zu legen und alles um sich herum nur passiv distanziert zu beobachten.

Die Bibel weiß um den Menschen als eines aktiven Primaten. Sie beschreibt ihn voller Staunen unter der Perspektive seiner Möglichkeiten, mahnt dabei aber immer an, dass er Gott im Blick behält.

Gott! Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk. (Ps. 8, Vv. 6+7)

Der Mensch bebaut, gestaltet und nimmt in Obhut, was Gott ihm zur Aufgabe gemacht hat. Er hat sich als schöpferischer Diener Gottes zu erkennen und zu bewähren.

Das 5. Gebot: Du sollst nicht töten.

Das fünfte Gebot wird immer wieder und aus biblischer Sicht völlig zu Unrecht zum archimedischen Punkt solcher Ethik gemacht, in der z.B. Jagd keinen Platz mehr findet. Die 10 Gebote verbieten im Tötungsverbot aber nur ein Handeln, das sich in spezifischer Weise gegen das Mitgeschöpf richtet. Das Tötungsverbot, liebe Gemeinde, liebe Jägerinnen und Jäger - und das haben die Alttestamentler und Sprachwissenschaftler schon seit langem heraus -, verbietet den Mord und das gemeinschaftswidrige Töten.

Worauf christliche Jägerinnen und Jäger also zu achten haben ist, dass sie so viel Geist in ihr Tun investieren, dass die Jagd sich vom Morden unterscheidet. Mord ist heimtückisches, selbstsüchtiges, sinnloses Töten.

Es gibt also bereits einen biblisch beschriebenen Unterschied zwischen der sinnvollen Aneignung von Wild als Ausgleich oder zum Verzehr und einem Töten in destruktiver, mörderischer Absicht.

Nach dem, was ich bisher verstanden habe, versuchen Jägerinnen und Jäger gerade diesen Unterschied zwischen Jagd und Mord im Begriff der Weidgerechtigkeit zu kultivieren und zu tradieren. Weidgerechtigkeit ist darum für mich auch alles andere als ein vernachlässigbarer Begriff. Weidgerechtigkeit beschreibt nicht weniger als eben den Unterschied zwischen schöpfungsbezogener Jagd und mörderischer Destruktion.

Wir haben uns als Jäger also immer zu fragen, ob das, was wir aus ökologischer Notwendigkeit oder Tradition tun, der Schöpfung dient. Tradition und Gewohnheitsrechte sind untergeordneter Natur. Die Jagd muss sich jeden Tag als Teil einer sinnvollen Obhut bewähren. Und wo sich die Schöpfung durch den Eingriff des Menschen verändert hat, da muss sich auch die Jagd verändern.

Zum Schluss:

Der Mensch ganz allgemein, - das lehrt die Erfahrung und das sagen auch die Theologen und Philosophen -, hat zu wenig bewahrenden Instinkt gegen sich selbst und gegen seine eigenen zerstörerischen Möglichkeiten. Er ist in dieser Hinsicht ein gefährlicher und eigentlich unberechenbarer Räuber. Er ist Sünder, wie die Bibel die Anfälligkeit des Menschen gegen das Schöpferische nennt. Er ist ein immer potentieller und oft aktueller Gegenspieler Gottes.

Er ist aber - im Unterschied zum Tier - ausgestattet mit einem Handlungsschema, in dem Gewissen und Urteil eine große, wenn nicht die größte Rolle spielen. Will der Mensch die Natur und bewahren, will er sogar als Christin und als Christ seinem Schöpfungsauftrag gerecht werden, dann muss er sich die geistlichen Instanzen pflegen und erhalten, die ihn verschränkt urteilen lassen, verschränkt zwischen Handeln und Geist.

Die Hubertustradition ist Teil dieser Aufgabe. Ihre Kraft entwickelt sie dort, wo wir die Frage aufnehmen, die sich in dieser Legende und das heißt unter dem Kreuz Christi stellt: Wer bist du Mensch in Gottes Augen? Amen

Und Gottes Friede, höher als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen Sinnen in Jesus Christus unserem Herrn. Amen

 

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