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Gute Nachbarschaft
Gedanken zur Ökologie. Eine Antwort auf Bruno Hespelers "Die Sache mit der Ökologie"
in Niedersächsischer Jäger 14/2006, S. 6

von Rolf Adler

Ist „Ökologie“ ein „ … wertfreier Begriff …“? Wir schätzen B. Hespeler wegen seiner zupackenden Art und die Gabe, Kompliziertes einfach zu sagen. Die These allerdings, die Hespeler im Verlauf seines Beitrages zur Ökologie (NJ14/2006, S. S. 6) wagt, ist m.E. grundfalsch. Ökologie ist an und für sich ein Wertbegriff und keinesfalls „… völlig wertfrei …“. Es geht auch nicht um „Zustände“, sondern - wie Hespeler gleich zum Beginn seines Beitrags richtig bemerkt - um „Beziehungen“. Wir lernen: zuweilen erschließen Lexikonartikel doch nicht die ganze Wirklichkeit. Und es lohnt sich, hier ein paar Gedanken mehr zu riskieren.  

Oikos (Haus) und Logos (Wort) = Öko-Logie beschreibt eine „Hausgemeinschaft“. In ihr findet sich der Mensch in guter (nachhaltiger und existenzloyaler) Nachbarschaft zu den Mitgeschöpfen und zur Mitwelt vor. Solches Denken in Beziehungen ist ein geistig-systematischer Gegenentwurf zu so genanntem „anthropozentrischen“ Denken, das den Menschen immer und in jedem Fall im Mittelpunkt sämtlicher Wirklichkeit sieht und ihm einen wesenhaften Vorrang und Vorzug vor aller übrigen Wirklichkeit einräumt. Ökologisch heißt: der Mensch und die gesamte ihn umgebende Mitwelt leben wechselwirklich.   

Auch wenn die Hausgemeinschaft nicht in jedem Fall aufeinander angewiesen ist, auch wenn es verfeindete Parteien gibt und so mancher Streit das Leben schwer macht, hängt zukunftshöffige Koexistenz davon ab, dass der Mensch seiner Mitwelt Raum und Leben lässt und sich nicht alles zu seinem Vorteil einverleibt. „Intakte Ökosysteme“ zeichnen sich heute dadurch aus, dass solche Beziehung gelungen ist und gelingt. Es ist bezeichnend und erhellend, dass die überwiegende Mehrzahl solcher intakten Ökosysteme heute dort anzutreffen ist, wo der Mensch keine beherrschende Rolle spielte oder mehr spielt. Tiere nehmen in der Wechselwirklichkeit den ihnen im Ganzen eingeräumten Platz ein und füllen ihn „artgerecht“ aus. Solche Artengerechtigkeit sollte der Mensch jedem seiner Mitgeschöpfe durch die Zurücknahme dominanter Ansprüche eröffnen. Der Mensch erfährt in solcher Wechselwirklichkeit sowohl Handlungsimpulse als auch Handlungshemmnisse. Er lässt sich den Eigenwert und damit das Lebensrecht der Hausgenossen gefallen. Er existiert ethisch, d.h. wertebezogen. Und die Jagd als Akt und Instrument der Aneignung natürlicher Ressourcen findet ihr Korrektiv in der Frage, welchen Beziehungen sie sich verpflichtet fühlt und ob sie den Eigenwert der Mitkreatur in Brauchtum und Regelwerk pflegt.     

Die Behauptung, dass der Mensch durch die Veränderung seiner Mitwelt keine neuen Ökosysteme schaffen würde, sondern nur vorhandene verändern, ist grundsätzlich anthropozentrisch und damit wirklichkeitsreduziert. Nur aus der Sicht des sich von der Hausgemeinschaft dispensierenden Menschen geht solches Denken positiv auf. Es richtet insgesamt  aber Schaden an. Aus der Perspektive des betroffenen und unterlegenen Mitgeschöpfes stellt sich die Situation ausgesprochen dramatisch dar: wo der Mensch Hausgemeinschaft und Koexistenz nicht zum Leitbild seiner Existenz macht und das Bewusstsein um seine Beziehungshaftigkeit nicht pflegt, verlieren Tiere und Pflanzen Lebensraum. Sie werden aus dem Haus geworfen und nicht nur kurzfristig obdachlos, sondern heimatlos. Es ist alles andere als ausgemacht, dass die Hinausgeworfenen sich eine neue Bleibe suchen können.  

Die ökologische Bilanz (immer eine Beziehungsbilanz) der letzten hundert Jahre ist katastrophal und weitaus destruktiver als die von Hespeler beispielhaft und verharmlosend beschrieben. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) geht derzeit von weltweit 15.580 bedrohten Spezies aus. Das Artensterben beschleunigt sich im Vergleich zur Vergangenheit rasant. Das heißt, der Mensch mutet seiner Mitwelt durch die Veränderung der Lebensbedingungen nicht (nur) einen neuen und anderen Lebensraum zu, sondern vernichtet unwiderruflich. An dieser Stelle passt Hespelers Versuch zur Vereinfachung ganz und gar nicht: hier wird nicht eine Art gegen eine oder mehrere andere lokal getauscht, sondern hier wird vernichtet, weil der Mensch sich nicht der Mühe unterzieht, Beziehung als werthaltiges Grundmuster zu leben. Ihm ist die Vorstellung von der Wechselwirkung des Lebens innerhalb der Lebensgemeinschaft verloren gegangen. Wir wissen, dass die damit einhergehende Reduzierung von Vielfalt (Diversität) das Ökosystem Erde nachhaltig und substantiell schwächt, weil es die evolutionären Möglichkeiten und damit Chancen reduziert. Die biologischen Folgen mangelnder Geistesgegenwart des Menschen sind eklatant, dramatisch und aus heutiger Sicht in ihren Folgen noch gar nicht abzuschätzen.  

Wo es an Beziehungen fehlt, geht das Oikos (Haus) zugrunde. So ist Hespelers These, dass „alles, was … früher geschah und künftig geschieht …“ ökologisch sei, zu schlicht. Nur was unter Berücksichtigung des Eigenwertes und der Notwendigkeit der Naturvielfalt geschieht, ist ökologisch zu nennen. Auch würde es Bruno Hespeler sicher nicht reichen, wenn er in Zukunft nicht mehr Rotwild und Gämsen, sondern nur noch sein „Matratzengetier“ jagen könnte.  

Meines Wissens tauchte der Begriff „Ökologie“ erstmals 1866 auf und wurde durch den Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel (1834 – 1919) geprägt. Aber „ökologische“ Betrachtungen sind weitaus älter. Sie sind Thema des Menschen, seit er über sich selbst nachdenkt. Unserem Kulturraum noch am nächsten ist vielleicht das beziehungshafte Denken der Bibel. Der Mensch wird besungen als ein Lebewesen, das vom Schöpfer als einer außermenschlichen (!) Schöpferkraft oder

Schöpfermacht in einen Garten gesetzt wird. Nicht Wüste, nicht „Stahl und Glas“, nicht Chaos wird dem Menschen zum Lebensort bestimmt, sondern ein lebendiges und vielfältiges Geflecht aus belebter und unbelebter Mitwelt. Und in dieser Mitwelt gibt es Grenzen. Die verbotene Frucht beschreibt den „point of no return“, den nicht mehr hintergehbaren Sündenfall. Dass der Mensch diesen Punkt überschreiten kann, macht ihn zu einem grundsätzlich gefährlichen und gefährdeten Teil der Schöpfung. Auch hat der Menschen sich nicht selbst gebaut oder geschaffen. Er findet sich als Teil eines schöpferischen Prozesses vor.  

Man kann zu den biblischen und außerbiblischen mythischen Traditionen stehen wie man will. In ihnen lebt aber vorwissenschaftlich ökologisches Denken. Und dies in einem Reichtum, der dem heutigem analytisch-empirischen Lexikon- und Internetwissen an Erkenntniskraft erst einmal in nichts nachsteht.  

Darin ist Hespeler aber zuzustimmen: der Begriff „ökologisch“ wird schillernd und marketingmotiviert in beinahe jeder Art von Bedeutung gebraucht. Unsere Antwort auf solchen inflationären Gebrauch sollte aber nicht heißen, alles ökologisch zu nennen, sondern muss in die kritische Fragen münden: Wo sind Beziehung und nachhaltige Koexistenz  wirklich gemeint? Machen wir solche strategische Koexistenz zum Grundformat unserer Existenz? Das beschreibt allerdings eine Aufgabe nicht nur für Jägerinnen und Jäger, sondern für die gesamte Welthausgemeinschaft.

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