Neujahrsgedanken

von Rolf Adler

Als würde am 31. Dezember Schlag Zwölf die Bürde des Alten abfallen, fassen nicht nur Jägerinnen und Jäger in jener Nacht manch’ guten Vorsatz. Ein bisschen Magie (Silvesterböller), ein paar seichte Schwellenriten (Bleigießen und Neujahrstrunk) und vielerlei Beschwörungsformeln (toi-toi-toi) suggerieren, dass sich zu Silvester ein magisches Fenster öffnet, durch das wir den alten Wirklichkeiten entrinnen könnten. Traditionelle Religion, überlieferter Glaube und deren lebendiger Ursprung, nämlich Gott, spielen in den zeitgeistigen Erneuerungssehnsüchten und Fluchtphantasien kaum mehr eine Rolle. Das gesellschaftliche Bewusstsein hätte sich – so sagen die Religionssoziologen – von der „Gebotsreligion Christentum“ emanzipiert. Dies soll bedeuten, dass biblisches Lebenswissen und Weisheit heute in ihren orientierenden Inhalten nicht mehr verstanden werden. Der moderne Geist wähnt sich frei und dem Alten überlegen.

Warum sich dieser so moderne Geist immer verlassener fühlt, wird als großes Rätsel und moderne Depression erstaunt wahrgenommen. Kaum jemandem kommt es aber in den Sinn, dass die um sich greifende kulturelle Niedergeschlagenheit eine Folge jenes Kulturzustandes sein könnte, den wir als „nachchristlich“ zu bezeichnen pflegen. Glaubenslosigkeit und Gottesvergessenheit haben sich bisher immer als selbst erfüllende negative Prophetien bewahrheitet. Das bedeutet: Wer nur lange genug sagt, Gott sei tot, der wird den so herbei geredeten Tod Gottes bald als an der Seele fressende Krankheit zu spüren bekommen. Es könnte allerdings sein, dass bald jene unter uns, die sich das Wissen um christliche Werte trotzig-mutig bewahrt haben, nötig gebraucht werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass nach Zeiten der Geist- und Orientierungslosigkeit Gott als erweckende Neuerung zurück zum suchenden Menschen kommt. Insofern ist zwar Bedenklichkeit hinsichtlich des gesellschaftlichen Geisteszustandes erlaubt, nicht aber Zweifel an der Tatsache, dass Gott und Leben sich auch gegen den vergesslichen Menschen immer wieder Raum schaffen.

So manches Buch, in dem christliches Gut aufbewahrt ist, bleibt heute weitestgehend ungeöffnet und verstaubt im Regal (wenn es dort überhaupt noch zu finden und nicht längst schon auf Dachboden oder Flohmarkt gelandet ist). Und so schlummern die kleinen und die großen Texte ihren unfreiwilligen Schlaf, solange der Mensch sie nicht sehen will.

Dass sich so mancher fromme Text darunter befindet, der jedem Jäger und jeder Jägerin gut zu Gesichte und zu Geiste stehen würde, mag folgendes Beispiel belegen; 200 Jahre alt (1802) sind die folgenden Gesangbuchverse aus einem evangelischen Biberacher Gesangbuch:

Die Thiere, deren Herr du bist,
(erwäg das Mensch, erwäg das Christ!)
sind auch des Ganzen Glieder.
Der Schöpfung Bürgerrecht verlieh
Gott ihnen auch; o blick auf sie
nicht mit Verachtung nieder.

Sie, Wunder auch von Gottes Hand,
durch ihren Bau dir nah verwandt,
durch eingepflanzte Triebe.
Verraten oft des Denkens Spur,
sind treue Kinder der Natur,
genießen ihre Liebe.

 „Der Schöpfung Bürgerrecht verlieh Gott ihnen auch ...“

Was die gottesdienstliche Gemeinde sich vor 200 Jahren ganz unkompliziert als Wertesetzung sonntags ins Bewusstsein sang, wird heute als ethisch-philosophische Fragestellung höchst akademisch,  kontrovers und ohne erkennbaren Fortschritt hin und her erörtert. Über theo-zentrische Tierethiken gibt es dicke Bücher. Theo-zentrisch (Gott in der Mitte) heißt dabei nichts anderes, als dass Gott Ausgangspunkt menschlichen Denkens und Handelns auch im Umgang mit Tieren sein soll. Es liegt auf der Hand, was mit dem Verlust von solchen Merk- und Singtexten gesellschaftlich passiert ist: Orientierung und Gewissheit sind verloren gegangen. Was ehemals ethisches Allgemeingut war, muss heute akademisch hin und her gerollt werden. Ehemals einfaches Wissen wird zum Gegenstand endloser moderner Erörterungen.

Mit dem Verlust des Selbstverständlichen ist geistige Heimat verloren gegangen. Was von Generation zu Generation als Grundwahrheit und Allgemeinwissen schlicht weitergegeben wurde, taucht heute hin und wieder und nur von Spezialisten wahrnehmbar als Winkeldiskurs an der ein oder anderen Stelle auf. Was vor 200 Jahren als kollektives Bewusstein unter Christen stärkend und werteweisend kommuniziert und den kommenden Generationen einverleibt wurde,  z.B. die Wertschätzung von Nutz- und Wildtier, wird heute akademisch behandelt, ohne dass die Frage nach der prägenden und orientierenden Kraft auch nur ansatzweise beantwortet wäre.  

Nun könnte man für Mensch und Tier Hoffnung haben, wäre die gottzentrierte (theo-zentrische) Tierethik das allgemein anerkannte Modell einer gültigen Verhältnisbestimmung von Tier und Mensch. Dem ist aber nicht so. Auch hier hat sich der philosophische Geist „emanzipiert“. Er hat sich andere Begründungsvarianten geschaffen, weil die Annahme, dass es einen Schöpfergeist gibt, dem unabhängig sich dünkenden Freigeist eine Zumutung ist. Die Begriffe für diese vom Glauben sich emanzipierenden Versuche gehen dem Normalsterblichen kaum noch über die Zunge: Pathozentrische Ethik, biozentrische Ethik, ökozentrische Ethik und schließlich anthropozentrische Ethik sind ihre Namen und Schlüsselbegriffe. Warum ist das Tier zu achten? Weil es leidensfähig ist (Pathozentrik), weil es Anteil am allgemeinen Leben hat (Biozentrik), weil es Teil des ökologischen Gesamtsystems ist (Ökozentrik), weil der Mensch als vernunftbegabtes Wesen für alles Verantwortung hat (Anthropozentrik)? Vor 200 Jahren kannte man auf diese Fragen eine Antwort: Weil es von Gott geschaffen ist und Gefährte des Menschen. Im Gesangbuchlied, das damals Geist und Willen der ländlichen Gemeinde sonntäglich erneuerte, heißt es zum heute akademisch diskutierten Problem des Eigenwertes der Tierwelt schlicht: Blick auf sie nicht mit Verachtung nieder ...

Dass Nutz- und Wildtiere nicht nur wahrgenommen werden in ihrem Dienst- und Nutzencharakter, sondern ihnen zuvor eine Würde unabhängig von ihrem Zweck zukommt, sang der Fromme aus voller Überzeugung. Und dies, obwohl im kirchlichen Christentum wenig theologisch-akademisch darüber nachgedacht wurde, wie denn solche Eigenwertigkeit des Lebens zu begründen sei. Der Wert eines Tieres ergab sich aus seiner Stellung als Geschöpf. Tiere sind Geschöpfe Gottes, basta! Das war Lehre, das reichte einmal. Und durch solche richtungsweisende Klarheit aus dem Mund des Dorfgeistlichen gestärkt, begannen Bauern und Jäger ihr Wochenwerk: „Lasst uns tun, was wir wissen; das Tier nutzen, ohne es zu missbrauchen.“

Die Frage zum Beispiel, welche Haltungs- und Nutzungsstandards sich aus solcher Erkenntnis ableiten lassen, war eine soziale Frage und keine abgehoben akademisch-philosophische. Ja, sie war nicht einmal eine theologische Frage. Mensch und Tier wussten sich als Schöpfungsgemeinschaft, als Teil  einer Wertegemeinschaft. Und dem vernunftbegabten Teil der Schöpfung namens Mensch oblag es, dem stummen Geschöpf sein Recht zu gewähren.

Das Gemeindeglied, das sein Vieh misshandelte, hatte mit Konsequenzen zu rechnen. Solche Konsequenzen waren dabei nicht Teil eines formal nur umständlich zu aktivierenden juristischen Tierschutzes, der nur dann und wann schwerfällig in Gang kam, sondern Obhut über tierisches Leben war angesiedelt im öffentlichen Gewissen mit verpflichtendem Charakter. Vor der sozialen Sanktionierung wirkte das Gewissen. Und wenn das Gewissen nicht ausgebildet genug war oder durch Not und Charakter geschwächt, griff die nächste Instanz: soziale Kontrolle. Die Menschen scheuten sich zu jener Zeit keineswegs, „Sünder“ zur Raison zu rufen. Heute genießen kaum noch Menschen (Kinder und Alte) diesen sozialen Schutz, den Tiere in solcher Wertegemeinschaft genießen.

Keine Depression

Nun wären solche Neujahrsgedanken zu traurig, wenn sie nur die Botschaft hätten, dass in dieser „verlorenen Zeit“ das neue Jahr mit einer Klage über den Verlust von Werten und Wertsetzungen zu beginnen sei. Es geht zum Beginn dieses neuen Jahres auch darum, den zu aktivierenden ethischen Potentialen, die wir als Tierhalterinnen und Tierhalter, als Jägerinnen und Jäger in Form von Tradition und Brauchtum in uns tragen, etwas zuzutrauen. Nicht der Böller um Zwölf verscheucht die Ungeister aus unseren Herzen und Hirnen, sondern die Besinnung auf eben diese Möglichkeiten, sich auch im neuen Jahr verstärkt oder mit neuem Bewusstein an Begriffen wie Schöpfungsgemeinschaft, Eigenwert und Würde der Kreatur zu orientieren. Dazu braucht es keine verdrehten Gedanken und verzwirbelten Sätze. Man muss auch nicht geübter Christ sein, um sich dies zutrauen zu können. Es braucht nur etwas Mut, des Schöpfers Geist und Weisheit an mir wirken zu lassen. Und ich tue das am Besten, indem ich seine Worte achte und auch darauf höre, wie „ ... die Alten sungen...“.

„O, blick auf sie nicht mit Verachtung nieder ...“, 

... sondern öffne dich für den Gedanken, dass jedes Rind, jedes Huhn, jeder Fuchs, jedes Stück Schwarzwild eben jenen Eigenwert in sich trägt, den Jägerinnen und Jäger traditionell bereitwillig dem kapitalen Hirschen zusprechen. Die Grenze allerdings, die jagdliches Brauchtum und Tradition hier ziehen, ist ethisch tückisch und zu eng gezogen. Die Einteilung in Nieder– und Hochwild ist – das wissen wir – der Ständeordnung und dem Ständedenken des Mittelalters entlehnt, nicht dem biblischen Gedanken der Schöpfungseinheit

Den Aufschwung, den wir zum Beginn dieses neuen Jahres erhoffen, sollten wir nicht nur dem alten Geist anvertrauen. Und Böller und Raketen sind nicht mehr als Schall und Rauch. Wir brauchen erneuertes Wissen und lebendige Gewissen, formende, wegweisende und durchaus bewährte Denk- und Handlungsmuster, die unseren Alltag prägen. Und da ist die christliche Tradition, die wir zuweilen unter dem Scheffel verschwinden lassen, das uns traditionell naheliegenste Sinn- und Orientierungsangebot.

Es mag dem Einen oder Anderen zuweilen so scheinen, als würden Jägerinnen und Jäger in der freien Natur Gott eher finden als in der Kirche des Ortes. Aber auch hier ist Selbstkritik heilsam. Wirklich zur Sprache kommt Gott in und durch die Bibel! Und wer sich als grüner Freigeist in die buchenbestandene „Kathedrale Gottes“ begibt, um hier seinen eigenen Gottesdienst zu feiern, der sollte die Bibel niemals vergessen. Sonst rauschen am Ende nicht nur die Blätter des geliebten alten Waldes, sondern dem alten grünen Adam auch nur die alten eigenen Gedanken durch den Kopf. Es gibt die Bibel in rucksacktauglichen Formaten und in grün.

Und als letzten, wenn auch beinahe überflüssigen Beleg, dass christliche Werte dem Jäger nicht fremd sein sollten, soll Otto v. Riesenthal das Schlusswort haben. 50 Jahre nach dem Erscheinen des Biberacher Gesangbuches reimte er jenen Vers, den wir Jungjägern noch heute mit auf den Weg geben:

Das ist des Jägers Ehrenschild,
das er hegt und schützt sein Wild,
Waidmännisch jagt wie sich's gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.
Otto v. Riesenthal, 1848     

Allen, die im neuen Jahr in den Nutz- und Wildtieren den Schöpfer ehren wollen, einen herzlichen Segenswunsch für 2004.

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