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Hubertusjünger?

von Rolf Adler (2004)

Tiefere Gedanken ...

Die dunkler werdende Herbstzeit ist für viele Weidgenossinnen und Weidgenossen Zeit tieferen Nachdenkens. Wenn nach dem Revier ein warmes Getränk lockt und frühmorgens die Finger klamm waren, steigen mit den  Herbstnebeln Gedanken auf. Auch die Hubertuslegende drängt sich in das Bewusstsein und will erneut verstanden sein. 

Wir erinnern: dieser wunderliche Mann war so nahe an Gott, dass man ihn heute einen Heiligen nennt. Er war aber auch so nahe am Leben, dass er wie ein guter Kamerad durch die Zeiten spricht. Er rührt an die tieferen Schichten der sonst eiligen Existenz. Er spricht: Warte einen Augenblick! Was tust du? Und wem nützt es? 

Hubertus durchschritt die Abgründe grenzenloser Leidenschaften. Er lebte fern aller Skrupel und Einsichten. Die Freude der Jagd war ihm zum Spaß verkommen. Er genoss die Grenzenlosigkeit seines Standes. Und spürte doch zugleich die bittere Leere seines Lebens. Eines Lebens, dass sich nicht mehr auszurichten vermochte an dem, was Sinn heißt. Wandel, Umbruch, Veränderung und Läuterung – sie waren der einzige Weg, um dem endgültigen Nichts seiner Tage zu entgehen. 

Dieser Weg der Läuterung bringt eine alte Hoffnung zum Klingen. Es ist die Hoffnung darauf, dass alle Gräben zwischen Leben und Sinn aus unseren Herzen und Köpfen weichen. Und wir zur Einheit von Leben und Sinn, Trachten und Vollbringen finden. Glaube ist das Vertrauen darin, dass der lebendige Gott solche Einheit für uns bereit hält.  

Dieser Glaube leistet viel; er stärkt. Und aus seiner Kraft leben und arbeiten Christinnen und Christen. Auch wir modernen Menschen zum Beginn des 21. Jahrhunderts, die wir wissen, dass die ersehnte Einheit immer wieder durch den Menschen selbst zerbrochen wird. Und wir wissen, dass die Zukunft durchaus offen ist; offen zum Guten aber auch zum Bösen, zum Scheitern und Gelingen. 

Niemand kann sagen, wie das Ende des nächsten Jahrhunderts die Welt sieht. Was wird dort sein, wo wir heute pirschen? Was wird stehen, vielleicht stinken, rauchen, anöden, wo wir heute mit Liebe und Geduld, Schweiß und Fleiß weidwerken? Wie wird unsere Heimat aussehen, für die wir uns von Herzen wünschen, dass sie Bestand habe? Wie lange wird der erbarmungslose Verdrängungskampf des Menschen gegenüber der schwächeren Kreatur noch dauern? Wie viel Arten werden wir noch von dieser Erde verbannen? Das sind Fragen, die einem das Herz schwer werden lassen. 

Wer Hubertus ehrt ...

Wer Hubertus ehrt, denkt diese Gedanken ehrlich und zu Ende. Der weiß sich den Abgründen der zügellosen Existenz dieses Mannes verwandt. Der bewahrt sich den Blick für die Wahrheiten unserer „Zivilisation“. Einer Lebensweise, die das schwache Geschöpf gering achtet und lieber schnelle Wertschöpfung betreibt, statt Wertschätzung lebt. Wer Hubertus ehrt, der lässt sich auf den Blick des guten Schöpfers und des guten Hirten verpflichten. Der fragt nach der Umkehr und Erneuerung der Existenz. Wer Hubertus ehrt, der hört die Frage, die in dieser Legende lebendig bleibt: Wie ist das mit dir? Mit deinem Leben? Mit deiner Liebe zu Gott und seinen Geschöpfen? Sind wir in den Gewalten und Gewalttätigkeiten eines verfehlten Lebens total verstrickt? Rettungslos, mutlos und zukunftslos?

Jägerinnen und Jäger, die an der heiklen Berührungsstelle zwischen Leben und Tod arbeiten, die töten, um des Lebens willens, und darum die Frage nach Sinn und Legitimation permanent beantworten müssen, können sich mit seichten Erklärungsmuster nicht zufrieden geben. Sie verlieren nicht nur ihre gesellschaftliche Glaubwürdigkeit. Sie verlieren ebenso ihren inneren Frieden, der nur dort wirkt, wo Sein und Sollen gemeinsam vor Gott bestehen können.  

Im Britischen Museum in London liegt ein alt-assyrisches Rollsiegel (750 v. Chr.). Es zeigt einen Menschen an der Berührungsstelle von Tod und Leben. Obwohl der Mensch den Löwen tötet, , weist die Darstellung auf das Gute in dieser Tat. Zu Füßen des Assyrers liegt ein Rinderkalb. Der Assyrer verteidigt es gegen den Löwen. Im Tod des Löwen erscheint das Leben für das Kalb.  

In dieser Darstellung erkenne ich Weg und Auftrag des Waidwerks. Der eines Stück Wildes muss aus sich selbst heraus auf das Gute weisen. Wo einer Kreatur das Leben genommen wird, muss eine andere Kreatur dadurch gewinnen. Der Tod des einen muss durchdrungen sein vom Leben des anderen. Nur so stellt sich jene innere Balance ein, die wir „das Gute“ nennen können.  

Die Frage, mit welchem Ziel und in welchem Geist wir jagen, stellt sich eindrücklich. Sie wird beantwortet, wenn wir das Waidwerk nicht selbstbezüglich betreiben, nicht als Privileg oder auch in einer Art, die nicht mehr sinnvoll ist. Jagd soll Schutz gewähren. Und sei auch den Schutz des Wildes vor ausufernden Populationen. 

Waidwerk und Jägerei werden ihren gesellschaftlichen Ort behalten, wenn sich unter dieser Maßgabe Menschen bereit finden, nach dem Guten im oft schmerzhaften Geschäft der Jagd zu fragen. Auf jeder Kugel, die wir als Jägerinnen und Jäger einem Mitgeschöpf ins Leben schicken, muss schon die Antwort auf die Frage stehen, wozu diese Kugel fliegt: zu wessen Schutz und mit welchem Sinn sie tötet. Ganz  konkret und ohne Wenn und Aber. Ohne Ausflüchte und Lügen. Da entscheidet sich, ob ich ein Hubertusjünger bin. 

Und so, wie der alte Assyrer auf dem Rollsiegel als guter Mensch aus der Szene hervorgeht, weil sein Tun de, Guten gilt,  können und dürfen auch Jägerinnen und Jäger als gute Menschen gelten, wenn sie dran bleiben an der Frage, wem ihr Tun nützt.

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