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Grundformate des Lebens

von Rolf Adler

Das Land merkt auf. Die Wertefrage ist ausgebrochen. Landauf, landab eilen die Sprecher der Parteien zu den Mikrofonen: Leitkultur, Wertebewusstsein, Parallelgesellschaften, Dialogfähigkeit, Wertesicherheit – solche und ähnliche Begriffe versuchen als Aufgabe zu bestimmen, was jahrzehntelang geflissentlich und politisch instrumentell vernachlässigt wurde: Wertebeheimatung und Wertesicherheit. Über die Hintergründe der Vernachlässigung lohnt sich langes Sinnen nicht. Denn es liegt auf der Hand: wer weniger verwurzelt ist, der ist „führiger“. Und das gilt besonders in Zeiten, in denen Besinnung und die damit verbundene Langsamkeit nicht mehr opportun sind.  

Jägerinnen und Jäger haben die aktuell zutage tretende fundamentale und politisch-strukturelle Wertevergessenheit und -konfusion schon immer zu spüren bekommen. Wenn jagdlich ahnungslose, völlig unbeleckte „öffentliche Personen“ meinten, sie könnten an Traditionen und gewachsenen Strukturen bedenken- und rücksichtslos rütteln, schlägt diese Vergessenheit ins politische Tagesgeschäft durch. Auch wenn schnell zu durchschauen ist, dass dahinter meistens kurzfristige Klientelpolitik steckte, ist der Schaden beträchtlich. Es wirkt die politische Lehre, die nur zur Leere taugt. Und dieser Geist gipfelt in Dummsprüchen: Tradition ist von gestern! Wer von gestern ist, der ist nicht mehr wirklich brauchbar.   

Gesellschaftliche Spaltkeilerei als politisches Tagesgeschäft fordert immer Opfer. Jagdliches Brauchtum, Bindung an Tradition und überlieferte Kultur werden leichtfertig verdächtigt und kommen allenfalls als unliebsame Restbestände einer vergangenen Epoche und Gesellschaftsform in den Blick. Nach Meinung vieler aufstrebender Volksvertreter(innen) muss man sich nur zwangsläufig und widerwillig mit der Jagd als traditioneller Form des Lebens beschäftigen, weil Jagd als Lebensäußerung sich gesellschaftlich noch nicht erledigt hat. Gesellschaftliche Verankerung wird in diesem Zusammenhang als lobbyistisches Ränkespiel abgetan. Und die Widerständigkeit einer zähen, weil tief verwurzelten Organisation gilt als unzeitgemäßer Ballast. Zukunft schreibt der Jagd niemand zu. Und so offenbart sich der Zustand unserer Gesellschaft quasi gleichnishaft am Verhältnis öffentlicher Kräfte zur Jagd: Jägerinnen und Jäger werden verdächtigt, von gestern zu sein. Ihre Kritiker und Kritikerinnen preschen breitbrüstig in „die Zukunft“ vor und wissen doch nicht, wohin es eigentlich gehen soll. Darunter leidet dann die Gegenwart. Es fehlt an Kriteriensicherheit für ein verantwortliches Gegenwartsverhältnis. Das politische Wollen der Wenigen ist mit dem Wissen der Vielen nicht mehr verknüpft. Politikverdrossenheit ist dabei die von der eigenen Verantwortung ablenkende Schuldzuweisung.

Wie wohltuend sind in dieser mentalen und gesellschaftlichen Konfusion die Augenblicke im Revier! Da tritt das Reh in der Dämmerung aus der Dickung und äst. Das Bild hat sich in den vergangenen hundert Jahren nicht gewandelt. Der Fuchs schnürt den Remel entlang und maust kopfüber. Sein Verhältnis zur Beute ist ungebrochen sinnreich. Er lässt sich die Maus schmecken oder trägt sie dem Geheck zu. Die Sauen brechen durchs Gehölz und die Bache bläst zum Rückzug, sobald der Joppenknopf an die Büchse schlägt. Diese Regeln sind nicht menschgemacht. Sie haben deshalb Bestand und verströmen den Duft des Bewährten und Vertrauen. Solchen Regeln gebührt unser Respekt und unsere Achtung! Reh, Fuchs und Sau lassen sich nicht einspannen für medienwirksame und videowandgerechte Saalschlachten, an deren Ende nur der Kopfschmerz und herzrasender Kaffeedruck bleiben. Wenn der Kopf leerer wird und die Angst größer, dann werden Rituale lauter und hektischer. Am Ende stehen die paar Übriggebliebenen vor den Trümmern ihrer Ideologien und reiben sich die Augen über die Wucht jener Lebenskräfte, mit denen sie gar nicht mehr gerechnet hatten.

Wie anders ist es, wenn die Kälte in den Ansitzsack dringt, wenn die Zehen kneifen und die Hände sich am Feuer nach Wärme recken? Hier spürt der Mensch, dass er lebt und sterben kann. Wenn die Beute im Knall zusammenbricht, weiß der Geist, dass er von anderem lebt, als von Sprüchen und Parolen und den selbstgestrickten Szenarien, deren Dramaturgie und Ergebnis das Morgenrot des nächsten Tages nicht sieht. Wald und Feld, Heide und See, Brache und Moor scheinen wie die natürlichen Parallelgesellschaften zum modernen Schein. Aber schon in dieser Zuweisung schlummert der Irrtum des sich kulturell verkürzenden Geistes. Feld und Wald sind nicht Parallelgesellschaften, sondern Grundformate des Lebens. Wir brauchen sie, um nicht verrückt zu werden.  

Das, was wir Schöpfung nennen oder Natur bildet nicht nur den Rahmen für ein ansonsten bezugs- und beziehungsloses Zeitgeschehen. Schöpfung ist vielmehr symbolischer Ausdruck für den notwendigen Wurzelboden jeder Lebensäußerung.  Schöpfung symbolisiert die Heimat eines geerdeten Selbstverständnisses. Schöpfung und Natur stehen für jene Formate des Lebens, an denen wir uns unbedingt messen lassen müssen, wenn wir uns nicht in den politischen und kulturellen Irrtümern verlieren wollen. Sowohl hinsichtlich unserer Tätigkeiten, aber auch hinsichtlich unserer Weisheiten und Hoffnungen sind Schöpfungsbezüge unaufgebbar. Unsere Verhältnisse zu den Grundformaten unserer Existenz geben Auskunft darüber, ob wir zukunftsfähig sind.  

Es ist schlicht ein kopfloser und geistloser Unsinn, dass sich Zukunftsfähigkeit bemessen würde an den Vorstellungen, die sich der  Mensch allein von seiner Zukunft macht. Der Weg von der Idee zur Ideologie im Kopf ist kurz. Und manchem bejubelten Visionär wurden nach Tod und Feuer die bronzenen Beine abgesägt, um ihn symbolisch zu Fall zu bringen.  

Die Meise in der Erle, das Rottier, das das Kalb über die Wiese führt – sie bilden Zukunft ab. Sie bilden Zukunft ab, weil ihnen das Leben ungebrochen begegnet. Und ungebrochen heißt hier: der Willkür des hybriden Geistes entzogen. Das Tier ist eins mit einer Gegenwart, dessen Kriterium der Augenblick ist und der Reflex, keinen Hunger zu haben und nicht zur Beute zu werden. Der Mensch stellt sich anders auf. Er blickt zurück, er blickt nach vorne, er gerät in Streit über den Wert des gestern und das Ziel für morgen. Er ignoriert, wie ihm der Dreck zu Halse steigt und ihn vergiftet. Er empört sich lieber über die Religion des anderen und wütet besinnungslos, weil er nicht sieht, dass die eigene Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit des anderen hat.

Er möchte dem Leben in die Karten schielen. Findet dabei keine Zeit mehr, dem Leben ins Antlitz zu schauen. Wenn er zu spüren lernte, dass Zukunft und Sein, Leben und Sterben, Werden und Kommen nicht machbar sind, sondern Ereignisse, die sich nicht in die Hand und an den Zügel nehmen lassen, dann wäre er einen Schritt weiter, weil er einen Schritt zurück gemacht hätte.

Wenn uns in Advent- und Weihnachtszeit die alten Symbole nahe kommen, Licht und Kind, Krippe und Stern – dann wollen sie gedeutet werden als widerständige Zeichen gegen einen verwirrten Geist. Zuwendung Gottes in einem Kind heißt, das Gott uns mit unserem Sein und Leben ernst nimmt. Gott ist lebendiges Symbol für eine Kraft, der es gelingt, Welt und Leben zu einen. Es gilt, ihn zu lesen als Einladung zu der Einsicht, dass das Leben nicht gelingen kann, wenn wir uns verzweifelt bemühen, Parallelkulturen und Wertevergessenheit durch Wertebrutalität zu überwinden. Weihnachten heißt: Im Kind als Grundformat des Lebens liegt die ganze Verheißung eines lebendigen Gottes, der sich nicht entzieht, wo der Mensch sich selbst das Leben raubt.

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