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Frieden mit dem Mitgeschöpf Tier
Teil III

von Rolf Adler

Freund des Lebens

Werden Jägerinnen und Jäger in ihrer ethischen Integrität angezweifelt oder gar angegriffen, dann können sie sich in der öffentlichen Diskussion auf eine ganze Reihe von kirchlichen Stellungnahmen berufen, in denen die Mitwelt (oder Umwelt) in biblischer Tradition als Handlungsfeld des Menschen bestimmt wird. Im Bekenntnis seiner Gottesebenbildlichkeit findet der Mensch in der alttestamentlichen Tradition seine Bestimmung zur schöpferischen Umgang mit der ihm anvertrauten Schöpfung. Es ist interessant zu beobachten, dass in den einschlägigen Stellungnahmen beider Großkirche eine explizite Ablehnung der Jagd nirgends erfolgt. Vielmehr wird die Jagd durchaus solidarisch auf ihren Nutzen und Sinn hin befragt und geprüft, ob sie dem biblischen Auftrag des Bebauens und Bewahrens entspricht und so für sich in Anspruch nehmen kann, verantwortliches, menschliches Instrument innerhalb des Schöpfungsganzen zu sein.

Jägerinnen und Jäger sollten von diesen kirchlichen Stellungnahmen wissen. Denn die Diskussion um die Jagd wird in den meisten Fällen unter ethischen Gesichtspunkten und mit ethisch-moralischem Anspruch geführt werden. Außerdem können Jägerschaften sich die Argumentation der offiziellen kirchlichen Verlautbaren zunutze machen, wenn es um die Frage geht, ob Jäger als Jäger in Kirchen willkommen sind.

Gott ein Freund des Lebens

1990 veröffentlichten der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz eine gemeinsame Erklärung unter dem Titel Gott ist ein Freund des Lebens. Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens.

Auch wenn diese Erklärung sich nicht explizit mit dem verantwortlichen Sinn der Jagd auseinandersetzt, ist sie für die Jägerschaft von Bedeutung. Denn mit dem Titel "Gott ist ein Freund des Lebens" wird die Frage aufgeworfen, wer denn zu den Feinden des Leben zu rechnen sei. Jäger und Jägerinnen, denen das Töten von wildlebenden Tieren gesellschaftlich aufgetragen ist, werden deutlich machen müssen, dass das begründete und sinnvolle Töten von wildlebenden Tieren eben nichts mit Feindschaft zum Leben zu tun hat, sondern vielmehr Ausdruck einer besonderen Verantwortung und Solidarität mit dem Leben sein kann.

Eigenwert des Mitgeschöpfes

"Die Mitgeschöpfe dürfen nicht nur unter dem Gesichtspunkt des für ihn gegebenen Nutzwerts betrachtet werden. Zwar ist der Mensch legitimiert, pflanzliches und tierisches Leben zu seiner Ernährung, seiner Versorgung und seiner Freude zu gebrauchen und zu verbrauchen. Die Mitgeschöpfe gehen aber in ihrem Nutzwert für den Menschen nicht auf." Sie haben "... unabhängig von ihrem Nutzwert einen Eigenwert, nämlich darin, dass sie auf Gott als den Schöpfer bezogen sind ...". Dennoch ist es "...abwegig, aus dem Standpunkt der Kirchen ... einen Schutzanspruch für jedes einzelne Lebewesen herauszulesen; geschützt werden sollen die Lebensmöglichkeiten für die notwendige Vielfalt von Lebewesen."

Jägerinnen und Jäger dürfen für sich in Anspruch nehmen, gerade an dieser von den Kirchen noch einmal herausgestellten Gestaltungsaufgabe Anteil zu haben. Die Jagd unter hegerischen Gesichtspunkten dient dem Zweck, Lebensmöglichkeiten zu schaffen und zu erhalten. Der Gedanke des Eigenwertes der Kreatur wird in den hegerischen Zielsetzungen und Rahmenbedingungen des Weidwerks praktisch angewandt. Kein Jäger übt die Jagd aus, um Lebensraum und Lebensrecht der Tiere zu bestreiten. Sondern um einen notwendigen Ausgleich innerhalb der sich nicht mehr selbst regulierenden Lebensrechte zu schaffen.

dass diese Notwendigkeit als Folge menschlichen Eingriffes sich erst in der Kulturlandschaft ergibt, ist dabei nicht zu bestreiten. Die Tatsache aber, dass der Mensch durch seine Lebensweise Regulations- und Selektionsmechanismen der Natur außer Kraft gesetzt und zerstört hat, enthebt ihn heute nicht der Verantwortung für die verbliebenen vorhandenen Gefüge und Zusammenhänge. Jäger können für sich dabei nicht in Anspruch nehmen, Natur restlos zu restaurieren (obwohl dies exemplarisch im Rahmen von Renaturierung und Biotopschutz immer wieder versucht wird und gelingt), sondern Jäger nehmen für sich in Anspruch, innerhalb der vom Menschen gezeichneten Kulturlandschaft Räume für die Natur zu erhalten und zu schützen. Der mit diesem Anspruch verbundene Ausgleich innerhalb der natürlich konkurrierenden Lebensformen, wird unter Achtung des Lebensrechts der Mitschöpfung verantwortlich mit der Waffe vorgenommen.

Du sollst nicht töten

Wenn sich Jäger gesellschaftlich oder auch kirchlich (Feier einer Hubertusmesse) zu erkennen geben und Anspruch auf eine vorurteilsfreie Würdigung ihres Tuns erheben, werden sie über kurz oder lang mit dem Sechsten Gebot "Du sollst nicht töten!" konfrontiert werden. Auch in Zeiten, in denen der komplette Dekalog kaum noch zum ethischen Repertoire unserer Gesellschaft gehört, entpuppt sich das Sechste Gebot als "archimedischer Punkt" (J.M. Lochmann) der Ethik. Zu diesem Phänomen vermerkt der Theologe G. Ebeling: "Als einziges Wort des mosaischen Dekalogs kann es selbst da zur Kampfparole werden, wo alle übrigen Gebote dem emanzipatorischen Kahlschlag zum Opfer fallen."

Erfahrungen in öffentlichen Diskussionen belegen, dass kein Jagdkritiker es sich im Laufe einer Diskussion nehmen läßt, seine persönliche, eigene ethische Integrität mit dem Wortlaut dieses Gebotes zu belegen und die Handlungsweise des Jägers als unvereinbar mit diesem göttlichen Gesetz zu behaupten. Auch in Kirchenvorständen und Presbyterien wird man dem Sechsten Gebot im Rahmen der Auseinandersetzung um die Jagd sicher begegnen.

Du sollst nicht morden

Das hebräische Wort, das im Rahmen des Dekalogs für "töten" gebraucht wird, bezeichnet eine besondere Form des Tötens in zweierlei Weise. Es bezeichnet einmal "...Akte der lebenszerstörenden Willkür..., Mord ... " und das "...ungesetzliche, gemeinschaftswidrige Töten ..." (J. M. Lochmann). Die Gültigkeit des Sechsten Gebotes ist begrenzt, was sich schon daran zeigt, dass Israel die Todesstrafe und das Mittel des gebotenen Krieges kannte und sich nicht scheute, Tiere zu opfern und zu verspeisen.

Wenn das Sechste Gebot heute im Zuge einer allgemeinen ethischen Verunsicherung zum archimedischen Punkt der eigenen Ethik gemacht wird, dann wird es instrumentalisiert und aus seinem traditionellen Kontext herausgelöst. Das Sechste Gebot steht als göttliches Gesetz gegen lebenszerstörerische Willkür. Es steht gegen jede Form von unvermittelter, ausbeuterischer und zerstörerischer Lebenshaltung. Es richtet sich nicht gegen Jäger, die mit der Büchse hegen, gegen Veterinäre, die einschläfern müssen, gegen Metzger, die Wurst machen. Es richtet sich vielmehr gegen solche Lebensfeindlichkeit, die vielleicht gerade im Leben des leidenschaftlichen Jagdgegners zu finden ist, wenn er mit Säge und Kuhfuß Gesundheit und Leben des Jägers gefährdet, in dem er jagdliche Einrichtungen in gefährliche Fallen umfunktioniert.

Es ist kein Zufall, dass im Zuge kirchlicher Stellungnahmen und Verlautbarungen zum Natur- und Umweltschutz das Sechste Gebot keine Rolle spielt. Es gehört in einen anderen Kontext und bezeichnet eine spezifische Lebensfeindlichkeit, die nicht auf die Jagd zielt.

Zum Schluss

In drei kleinen Beiträgen ist der Versuch unternommen worden, einige Schlaglichter auf kirchliche Stellungnahmen zu werfen, um Jägerinnen und Jäger für die öffentliche Diskussion um die Jagd zu rüsten. Anlaß war die kurzfristige Absage der Hubertusmesse Ende vergangenen Jahres in Bremen.

Die Hinweise sollen Möglichkeiten eröffnen, immer dort mit kirchengebundenen Menschen ins Gespräch zu kommen, wenn sich abzeichnet, dass kirchliche Amtsträger sich nicht in der Lage befinden, das Thema Jagd vorurteilsfrei zu bedenken und somit nicht hinnehmbare Ausgrenzungserscheinungen das Miteinander belasten. Der Hinweis darauf, dass die Kirchen in offiziellen Stellungnahmen Jagd keineswegs ausgrenzen, sondern einen sinnvollen Platz im Schöpfungsgefüge einräumen, dürfte so machen Pfarrer und manchen Kirchenvorsteher zum Nachdenken veranlassen. In den kirchlichen Schriften lassen sich gute Argumente hinsichtlich des schöpferischen Auftrages des Menschen finden und Hinweise auf den Stellenwert und die Richtung der ethischen Diskussion in der heutigen Zeit. Dies mag den Funktionären unserer Verbände auf allen Ebenen den nötigen Hintergrund vermitteln und sie für schwierige Diskussionen wappnen.

Über das beste Argument für die Jagd verfügen aber alle Jäger selbst. Es ist ein verantwortlich betriebenes, am Mitgeschöpf ausgerichtetes und an der Natur orientiertes Weidwerk, dem auf allen Ebenen und in allen Äußerungen ethische Integrität abzuspüren ist.

 

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