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Frieden mit dem Mitgeschöpf Tier
Teil II

von Rolf Adler

Jäger dürfen erwarten, dass ihr Beitrag zum Umwelt-, Natur und Tierschutz auch von Kirchengemeinden gewürdigt wird. Auch wenn Jagdverbände grundsätzlich keinen Anspruch auf die Feier einer Hubertusmesse haben, weil die Presbyterien und Kirchenvorstände zusammen mit den Pfarrämtern für die geistlichen und weltlichen Veranstaltungen in den Gotteshäusern verantwortlich sind, so können Jägerinnen und Jäger als Christinnen und Christen doch erwarten, dass sie nicht aufgrund von Vorurteilen und Halbinformationen ausgeladen werden. Hubertusmessen dienen nicht der Selbstbeweihräucherung, sondern sind Besinnungsgottesdienste, in denen es um Umkehr und Neubesinnung auf das geht, was in biblischer Tradition Schöpfungsgemeinschaft und Schöpfungsauftrag genannt wird. Jägerschaften haben Teil am allgemeinen Schöpfungsauftrag des Menschen und erfüllen innerhalb eine wichtige Aufgabe.

Nach biblischer Tradition hat der Mensch die ihn umgebende Schöpfung in seine Obhut zu nehmen und die ihm so anvertraute Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Er hat sich als verantwortlicher Mitarbeiter Gottes schöpferisch zu verhalten und in seinem Tun und Unterlassen das Lebensrecht jeder Kreatur anzuerkennen und solchem Lebensrecht Ausdruck zu verleihen. Er hat sich als Mitarbeiter Gottes zu bewähren.

Dass auch das Töten von wildlebenden Tieren im Zuge der alttestamentlichen Tradition unter sinnvollen Bedingungen mit dem Schöpfungsauftrag zu vereinbaren ist, wird dabei nur zögerlich und oftmals zu wenig zur Kenntnis genommen. Da Jagd immer mit der Ausübung von Gewalt verbunden ist, scheuen sich Menschen, Sinn und Nutzen der Jagd vorurteilsfrei zu bedenken; dies gilt auch für Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen, sowie für Pastoren und Pastorinnen. Jäger sollten sich davon aber nicht irritieren lassen. Sie sollten den Diskussionsbedarf als Herausforderung begreifen und dabei für sich in Anspruch nehmen, dass immer dort, wo die Kirchen sich qualifiziert zum Thema Schöpfungsauftrag geäußert haben, die Jagd und die Aneignung von Tieren nicht prinzipiell infrage gestellt, sondern allenfalls kritisch auf ihren besonderen Beitrag zum Schöpfungsauftrag befragt worden sind. Solchermaßen von den Kirchen an die Jägerschaften herangetragenen kritischen Fragen können der Sache durchaus dienlich sein, veranlassen sie doch zur Überprüfung und ggf. Korrektur der Praxis, was ja durchaus im Sinne eines modernen Weidwerks wäre.

Die Zeiten, in denen der freie Wildbretschütz seine Kreise unangefochten zog, sind vorbei; wahrscheinlich hat es sie niemals gegeben. Jagd selbst ist heute gesellschaftlich plausibel als Dienst an der Kreatur. Dies ist den Presbyterien und Kirchenvorständen mit guten Argumenten deutlich zu machen, wenn es wieder zu einem Konflikt hinsichtlich der Frage kommt, ob Jäger in den Kirchen willkommen sind oder nicht. Wo eine Jägerschaft einen Hubertus-Gottesdienst plant, sollte sie ruhig einen längeren Meinungsbildungsprozess in kauf nehmen, in dessen Verlauf es zu mehreren Gesprächen mit Kirchenvorstand und Pfarramt kommen kann. Auch sollte man sich nicht scheuen, die Kirchenkreisvorstände und Superintendenten in die Entscheidung einzubeziehen, sofern es auf der Gemeindeebene zu Konflikten kommt.

Um Argumente und Hintergründe für sich selbst und auch solche Entscheidungsprozesse zu erschließen, soll in diesem Beitrag ein Text vorgestellt, vergegenwärtigt und bedacht werden, der als offizielle kirchliche Stellungnahmen zur Verfügung steht und für eigene Argumentation nutzbar gemacht werden kann.


Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung. Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz, Gütersloh 1985

"Nicht allein menschliches Leben, sondern auch tierisches und pflanzliches Leben sowie die unbelebte Natur verdienen Wertschätzung, Achtung und Schutz. ... Die Ehrfurcht vor dem Leben bewirkt auch eine Scheu vor dem rein nutzenden Gebrauch, eine Haltung der Beachtung und Schonung. ... Wir Menschen müssen uns ... auf die Kunst des Hirten verstehen, dem am Wohl der Schafe gelegen ist, dürfen sie also nicht bloß unter dem Blickwinkel des Metzgers betrachten. ... Der Mensch soll übergriffen einer Tierart auf die andere wehren, um auch auf diese Weise die Tiere vor ihren Feinden zu schützen."

In dieser gemeinsamen Bischofs-Erklärung der beiden Großkirchen wird das Verhältnis des Menschen zu seiner Mitwelt als schöpferisches Verantwortungs-Verhältnis beschrieben. Der Mensch darf sich nicht hemmnungslos und orientierungslos, nicht losgelöst vom Wert der Mitkreatur "bedienen" und seine Mitwelt ausbeuten. "Der Herrschaftsauftrag des Menschen und seine sachgemäße Ausübung stehen und fallen mit der Gottesebenbildlichkeit." "Es obliegt seiner Verantwortung, Sorge für seine Umwelt zu tragen. Dies erfordert Rücksicht, Selbstbegrenzung und Selbstkontrolle."

Es dürfte verantwortungsbewussten Jägerinnen und Jägern nicht allzu schwer fallen, sich in diese ethischen Ziel- und Rahmenbedingungen einzufinden und das eigene Tun als Dienst an der Schöpfung plausibel zu machen. Dies dürfte umso leichter fallen, als die in besagter Stellungnahme herausgestellten Handlungsrahmen direkt mit den verbandlichen und gesetzlichen Rahmenbestimmungen korrespondieren, unter denen die Jagd heute ausgeübt wird.

Nach Meinung der Bischöfe beider Kirchen verdient die Schöpfung Wertschätzung, Achtung und Schutz. Solche Wertschätzung wird erreicht, in dem der Mensch sich drei Maximen unterstellt: Rücksicht, Selbstbegrenzung und Selbstkontrolle. Die mit diesen Begriffen umschriebenen Handlungsmaximen sind von alters her integrale Bestandteile des Weidwerks und heißen hier: Weidgerechtigkeit, planvolle Hege, Selbstkontrolle über Verbandarbeit.

Weidgerechtigkeit

Weidgerechtes jagdliches Handeln zielt auf eine Jagd, die Ehrfurcht und Rücksicht vor dem Leben zum eigenen Anliegen erhebt. Die Arbeit des Jägers bezieht sich dabei nicht nur auf das tierische Leben, sondern auch auf die sog. unbelebte Natur als Schutz der Lebenselemente und deren funktionalen Kreisläufen. Was an Biotop- und Landschaftsschutz im Kreise der Jägerschaft geleistet wird, verdient Anerkennung. Das jagdliche Brauchtum, heute von den Jägern selbst z.T. als Überreste alter Sentimentalitäten verkannt, erschließt sich nur, wenn es als Ausdruck der Rücksichtnahme und Ehrfurcht verstanden, erhalten und verinnerlicht wird. Jagdliches Brauchtum bildet das ethische Korsett einer ehrfurchtsvollen Jagd. Solche z.T. ritualisierte Ehrfurcht findet sich in den ältesten Quellen menschlicher Kultur- und Religionsgeschichte. Wer sich z.B. der Mühe unterzieht, priesterlich-biblische und jagdliche Verhaltensnormen miteinander in Beziehung zu setzen, der wird manche überraschende Parallele entdecken.

So entspringt für den Verfasser die Tradition des Letzten Bissens als Ehrerbietung vor der getöteten Kreatur durchaus dem gleichen Geist wie das biblische Speisungs- und Schlachtgebot, dass Lämmer nicht in der Milch der eigenen Mutter gekocht werden dürfen (" Du sollst ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen ", vgl. 2. Mose, 23,19 und 34,26). Ohne geistlichen Anspruch an das eigene Tun und ohne Gespür für die Würde, die dem Tier hier zuerkannt wird, ist diese Speisegebot so sinnlos wie der Brauch, einem toten Hirschen "einen Zweig ins Maul zu schieben" oder sich als Erleger im Rahmen einer Wacht neben seiner Beute einen Augenblick zu besinnen.

Das Verbot, eine Vogelmutter über ihrer Brut zu fangen (vgl. 5. Mose 22,6f.) korrespondiert praktisch und ideell mit dem, was wir heute als Brut- und Setzzeiten schützen und achten. Brut- und Setzzeiten sind weitestgehend ein ehrfurchtsvolles weidmännisches Tabu, auch dort, wo sie aus der Sicht z.T. drastischer Populationszudichten in einigen Bereichen rein biologisch sinnlos erscheinen.

Jäger können nachweislich für sich in Anspruch nehmen, die von den Kirchen eingeforderte Rücksicht als Weidgerechtigkeit institutionalisiert zu haben. Jäger haben so Anteil an einem hohen Maß an Wertschätzung für das Mitgeschöpf.

Selbstbegrenzung

Wer tötet, betritt einen Grenzbereich der Schöpfung, der nur dem anvertraut werden kann, der es schafft, besondere Kodizes zu erhalten. Weidgerechtigkeit beschreibt dabei jenen traditionellen Anspruch und jenes Maß an Einsicht, das dem verantwortlichen Jäger auch heute zugemutet werden muss und kann.

Schöpfung zu achten heißt, sich in Selbstbegrenzung zu üben. Auf die Jagd läßt sich dieser Anspruch direkt anwenden. Kein verantwortlicher Jäger jagt heute unbegrenzt, hemmungslos und ohne übergeordnete Vorgaben, d.h. ausweisbare gesetzliche Grundlagen und Hegeziele. Das Maß an Selbstbegrenzung, das dem Jäger heute allgemein auferlegt ist, ist zum größten Teil überpersönlich angesiedelt und nachprüfbar. Es orientiert sich an biologischen Notwendigkeiten und gesellschaftlichen Beschränkungen. Dabei bleibt dem ernsthaft tätigen Jäger aber noch genügend Raum zur freiwilligen Selbstbeschränkung.

So wird er dem Wild jenes Maß an Schonung (Ruhe, Schutz) angedeihen lassen, das ihm als Gottesgeschöpf gebührt. Er wird seinen jagdlichen Trieb und Eifer zügeln und an die Stelle des Prinzips Beute das Prinzip Verantwortung stellen. Er wird sich selbst begrenzen, in dem er sich immer wieder deutlich macht, dass es eine ureigenste Aufgabe ist, Leben zu hegen und die Aneignung von Wild nur im Rahmen der Hege letztendlich ihren Sinn bekommt. Sowohl Weidgerechtigkeit als auch die Selbstbegrenzung sind die zwei Seiten der Medaille Verantwortung.

Selbstkontrolle

Das, was die Bischöfe im genannten Papier als Selbstkontrolle beschreiben, ist in der jagdlichen Verbandsarbeit anzusiedeln und zu gestalten. Hier ist der Ort, wo Defizite in Form mangelnder, eigenverantwortlicher Selbstbeschränkung ausgeglichen und geahndet werden können. Jäger haben sich zur Verwirklichung ihrer Ziele und zur Wahrung ihres öffentlichen hegerischen Anspruches einer nachprüfbaren und strengen Selbstkontrolle zu unterwerfen. Die Jägerschaften sollten darauf achten, dass sie diesem Auftrag gerecht werden. Nur in dem Maße, in dem sie als Selbstkontrollorgane agieren, betreiben sie gute Verbandsarbeit.

Die von den Kirchen geforderte Selbstbesinnung im Umgang mit der Schöpfung und die in diesem Zusammenhang empfohlenen Handlungsmaximen sind im Bereich der Jägerschaft inhaltlich und formal vorhanden. Sie müssen gepflegt, den gegenwärtigen Erfordernissen angepasst und an den sich verändernden Ansprüchen modifiziert werden.

Unter solchen Bedingungen wird es weiterhin möglich sein, die Jagd als verantwortliche Teilhabe am Schöpfungsauftrag und als Wahrnehmung der Schöpfungsverantwortung zu begründen und zu erhalten.

 

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