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Frieden mit dem Mitgeschöpf Tier
Teil I

von Rolf Adler

Jägerinnen und Jäger sind der Kirche wichtige Gesprächspartner. Sie haben hinsichtlich des Verhältnisses von Mensch und Tier eine wichtige Wahrnehmung bewahrt. Unter Berücksichtigung der Verantwortung des Menschen für das Tier sind sie nicht einem verklärten Irrtum des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier aufgesessen.  In den folgenden Beiträgen wird knapp und gebündelt der Versuch unternommen, für Jäger wesentliche Stellungnahmen der Großkirchen dar- und vorzustellen und für die öffentliche und  auch interne Diskussion fruchtbar zu machen.

Der Schöpfungsauftrag des Menschen -
ein innerkirchlicher Dissens

Die christlichen Großkirchen in der Bundesrepublik haben in den vergangenen Jahren in verschiedenen Studien und Verlautbarungen zum Thema Schöpfungsverantwortung des Menschen Stellung genommen. Dabei haben sie sich auch zum Thema Jagd geäußert. In einem Diskussionsbeitrag des Wissenschaftlichen Beirates des Beauftragten für Umweltfragen des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahre 19901 ist zu lesen:

"Auch aus mitgeschöpflicher Sicht ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Jäger kranke, verletzte oder altersschwache Tiere waidgerecht tötet; sofern das Tier leidet, ist dies sogar ein Akt der Barmherzigkeit. ... Zum Schutz des Waldes und des biologischen Gleichgewichts hat der Mensch nach der Ausrottung von Bären und Wölfen kaum eine andere Wahl, als regulierend einzugreifen. ... Die Tätigkeit des Jägers "... bleibt auch unter den heutigen, veränderten Verhältnissen im Rahmen der Hege und Pflege von Wald und Flur notwendig und im Sinne der Nutzung des Wildtierbestandes für die menschliche Ernährung ... ethisch vertretbar."2

Zu lesen ist weiter, dass sich die "problematischen Erscheinungen" heutiger Jagdausübung und -begründung im wesentlichen mit der möglichen Organisation der Jagd als Freizeit- und Gesellschaftsvergnügen verbinden. Auch wird das "Hochhegen" von Wildbeständen um der sicheren Strecke willen als unsachgemäß kritisiert.

Jägerinnen und Jäger werden Auskunft darüber geben müssen, welche sachlichen Beiträge sie zum Tier- und Naturschutz leisten und wie sie über verbandsinterne Regularien Fehlentwicklungen in den eigenen Reihen entgegenwirken können. Sie werden ihr Tun und Unterlassen auch konfrontieren müssen mit sich wandelnden Werten und Normen, wobei gegenwärtig gesellschaftlich besonders eine Hinwendung des Wertedenkens zum Tier als Mitgeschöpf zu beobachten ist, was ganz bestimmt nicht ohne Wirkung auf die Rahmenbedingungen und Begründungszusammenhänge der Jagd bleiben wird. Da es in den zukünftigen kirchlichen und gesellschaftlichen Diskussionen auch immer um traditionelle biblische Begründungen gehen wird, werden Jägerinnen und Jäger gut beraten sein und nicht umhin kommen, wesentliche Grundsätze biblischer Tradition zu bedenken und in die eigene Beurteilung einfließen zu lassen.

Schöpfungsgemeinschaft

Mensch und Tier gehören als Geschöpfe zusammen. Beide "Kreaturen" (= lat. Geschaffenes/Geschöpfe) bekommen Leben geschenkt, d.h. verdanken sich einer schöpferischen Dynamik, die alles Werden, Leben und Vergehen sinnreich durchwaltet. Mensch und Tier finden ferner zusammen in unausweichlichen biologischen Abhängigkeiten und Begrenzungen (Lebensraum, Luft, Wasser, Nahrung, Fortpflanzung, Sterblichkeit). Sowohl der Mensch als auch das Tier sind jeweils nur ein Teil dessen, was sich an Schöpfungsvielfalt findet; sie sind Teil eines übergeordneten Gefüges, dem schöpferische Weisheit innewohnt.

Schon allein dieses Maß an Schöpfungsgemeinschaft verbietet es, dass sich der Mensch in lebens- und schöpfungsfeindlicher Weise über das Tier und die unbelebte Schöpfung erhebt. Auch wenn das Tier nach abendländischem Rechtsverständnis keine Rechtsfähigkeit besitzt und ihm Würde in menschlichem Maße nicht zugesprochen worden ist, verbietet es sich dem Menschen, das Tier lediglich als Ressource zum Gebrauch und Verbrauch zu sehen und wahrzunehmen. Die Schöpfung außerhalb des Menschen hat einen vom Schöpfer zugeeigneten Sinn und Wert, der außerhalb der Beliebigkeit des Menschen liegt.

Der Herrschaftsauftrag nach dem 1. Buch Mose, Kap. 1, V. 27 u. 29 ist ein schöpferischer Auftrag. "Das Tier bekommt im Schöpfungsauftrag eine herausgehobene Stellung verliehen, eben weil es wie ... der Mensch, am Leben partizipiert."3

Der von M. Luther in seiner Bibelübersetzung gewählte Begriff "herrschen" wird nach aktueller theologischer Forschungslage sachgemäßer auch im Sinne des Alten Testamentes übersetzt mit "in die Obhut nehmen". Es geht um ein "... leitendes, weidendes, hegendes Verhalten des Menschen zu seinen Tieren ...".4 Doch ist durch die fürsorgliche Intention des Auftrages an den Menschen eine Determination auf Gewaltfreiheit nicht gegeben. Der Mensch entscheidet als verantwortlicher Mitarbeiter Gottes über seine eigenen Handlungen. Begrenzung in seinem Tun erfährt er dabei nicht durch ein wie auch immer begründetes Gewaltlosigkeitsgebot gegenüber dem Tier, sondern in seiner Bestimmung als Gottesebenbild. Der Mensch wird seinem Auftrag dann gerecht, wenn er in die schöpferische Dynamik des Herrn über die Schöpfung tätig einstimmt, d.h. zu seinem Mitarbeiter wird.

Die ethische Fragestellung, die sich aus dieser Grundbestimmung für einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung, d.h. auch für die Jagdausübung ergibt, lautet: Darf der Mensch im Rahmen seiner Verantwortung für den Menschen Tiere töten, oder verliert er dadurch seine Teilhabe an der Ebenbildlichkeit Gottes?

Das Prinzip der Gewaltvermeidung

Die theologische Beantwortung dieser Frage ist innerkirchlich strittig. Der außerkirchliche, gesellschaftliche Dissens reicht bis in die Kirche und deren Gremien hinein. Auch der Wissenschaftliche Beirat des Beauftragten für Umweltfragen konstatierte am Ende seiner 1990 veröffentlichten Beratungen einen Dissens.

Den Gegnern jeglicher Gewalt gegen Tiere geht es um die Verwirklichung einer uneingeschränkten Friedensethik der Mitgeschöpflichkeit. Zielvorstellungen im Umgang mit der dem Menschen anvertrauten Schöpfung und ihrer Geschöpfe ist der Schöpfungsfrieden. "Die Welt soll nicht bleiben, wie sie ist, sondern im Lichte des Reiches Gottes und in Richtung auf den Schöpfungsfrieden verwandelt werden." ... "Die Tötung von Tieren ist lediglich als Akt der Barmherzigkeit geboten, um ein nicht zu behebendes Leiden zu beenden, oder sie muss als Folge einer Notwehrhandlung und in vergleichbaren Extremsituationen hingenommen werden."5 Kern dieser Haltung ist die beispielhafte Vorwegnahme der Herrschaft Gottes, in der "die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern" (Jesaja 11,6ff.) Den Verfechtern dieser Friedensethik ist Nutzung der Tiere nur denkbar, wenn solche Nutzung weder mit Schmerzen noch mit Leiden verbunden ist.

Solchem Friedensanliegen gebührt Respekt. Hier versuchen Menschen, ihrer Verantwortung vor dem Mitgeschöpf wirksamen Ausdruck zu verleihen. Die geforderten Verzichtsleistungen richten sich nicht ideologisch gegen die Jagd, sondern sind Handlungsmaximen im Rahmen einer konkreten biblischen Hoffnung, die auf einen Frieden zielt, der das Mitgeschöpf Tier in solchen Frieden einbezieht.

Aus der Sicht der Jäger richten sich an solch umfassende Friedensethik wesentliche Fragen, auf deren Beantwortung im Rahmen einer Diskussion bestanden werden muss:

o Wie lässt sich in die Vision eines umfassenden Schöpfungsfriedens die Tatsache sachlich würdigen, dass die Natur sich unter dem Druck unverträglicher Populationsdichte gewalttätig gegen das Tier richtet (Kümmern)? Ist die schleichende natürlich Verminderung des Bestandes ethisch höherwertig als eine gezielte Bejagung unter hegerischen Gesichtspunkten?

o Nach heutigem Wissenstand würde ein Verzicht auf die Jagd z.B. auf Schalenwild einen weiteren Anstieg der Populationsdichte bedeuten mit dem wahrscheinlichen Effekt, dass die Natur andere gewaltsame Regulative aktiviert (Seuchen, Krankheit). Ist die Inkaufnahme von natürlichen Regulativen mit all ihren Qualen und Schmerzen für das Geschöpf die ethisch höherwertige Alternative, nur weil sie durch niedere Lebewesen (Viren und Bakterien) herbeigeführt wird und nicht durch den Menschen?

o Ein wesentlicher Gewaltfaktor für das Mitgeschöpf Tier ist heute der Straßenverkehr. Wäre es im Sinne einer umfassenden Friedensethik, wenn noch mehr Tiere durch Verzicht der Jagd zunehmend im wahrsten Sinne des Wortes "unter die Räder kämen"?

o Wäre es im Sinne eines umfassenden Schöpfungsfriedens, wenn Wildbret als hochwertiges Nahrungsmittel verludern und verloren gehen würde?

o Wäre der ehrenamtliche und z.T. sehr kostenintensive umwelttechnische Nutzen (Bewahrung der Schöpfung), den viele Jägerinnen und Jäger durch ihr Engagement in das Gemeinwesen einbringen, eine solch vernachlässigbare Größe, dass man Jagdverzicht allein unter der Perspektive des Gewaltverzicht rechtfertigen könnte?

Hier deuten sich Grenzen eines prinzipiellen Jagdverzichts unter Berufung auf die ethisch anspruchsvolle Perspektive Schöpfungsfrieden an. Zugleich wird deutlich, dass an hegerischen Zielen ausgerichtete Jagd menschlich verantwortliches Handeln im Sinne der Natur darstellt.

"... das sei eure Speise ..."

Die im Alten Testament an den Menschen ergangene Ermächtigung, Tiere zu töten und sich anzueignen (vgl. 1. Buch Mose, 9,3: "Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise."), wird von den Verfechtern eines radikalen Schöpfungsfriedens als unvereinbar mit dem neutestamentlichen Liebesgebotes erkannt. Aber auch unter Berücksichtigung des neutestamentlichen Liebes- und Friedensgebotes stellen sich die o.g. Fragen uneingeschränkt. Liebe (griech.: agape) im neutestamentlichen Sinne beschreibt zunächst eine beziehungsvolle Haltung, die von Verantwortung, Parteilichkeit und Solidarität im schöpferischen Sinne und im Sinne des Schöpfers geprägt ist. Das Töten von Tieren untersteht jederzeit der Frage, ob es verantwortlich und im schöpferischen Sinne solidarisch geschieht. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die von Jesus von Nazareth gelebte Beziehung zum schöpferischen Urgrund des Lebens (Gott) und seinen Geschöpfen als absoluter Gewaltverzicht und damit quälerische Selbstüberlassung der Mitgeschöpfe gedeutet werden muss.

Zudem kennt das neue Testament zumindest eine Geschichte, in der sich Jesus Tiere aneignet und ihren Tod in Kauf nimmt. Jesus erlaubt den bösen Geistern, in eine Herde von Hausschweinen zu fahren, die sich dann ins Meer stürzt (Lukasevangelium 8,32). Das Tier wird hier vom Menschen in Anspruch genommen und verliert dabei sei Leben.

Konsequenzen

Jede Art von begründender abendländischer Jagdethik wird sich sowohl an der Vision des alttestamentlichen Schöpfungsfriedens als auch an der neutestamentlichen Liebesethik prüfen und messen lassen müssen. An diesen Traditionen vorbei wird es im abendländischen Kulturkreis keine konsensfähige und nachhaltige Begründung für den schöpferischen Eingriff "Jagd" geben.

Allerdings wird es eine wirklich weiterführende Diskussion nur geben, wenn an die Stelle des Prinzips der Gewaltvermeidung das Prinzip der Gewaltminimierung tritt. Gewaltlose Jagd ist nicht möglich; gnadenlose Jagd ist nicht vereinbar mit dem Wert der Schöpfung. Die Frage bleibt, ob der Verzicht auf das menschliche Regulativ Jagd gewalttätiger ist als die Selbstregulativen der Natur, die letztlich auf den qualvolleren Tod des Geschöpfes hinauslaufen.

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