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Hubertus ist kein Feldteufel

Niedersächsischer Jäger 20/2009 S. 32ff.
Rolf Adler 2009

Die Hubertuslegende ist eine Erinnerung daran, dass Lebensentwürfe nicht belanglos sind. Sie erzählt, wie das Leben einer Verantwortung vor der schöpferischen Instanz Gott unterliegt. Die Legende thematisiert die Empfänglichkeit des Menschen für göttliche Werte. Sie erinnert daran, dass Menschen für Gott erlebnisfähig sind und sich schon allein deswegen einem geistlichen Anspruch an ein  verantwortungsbewusstes Handeln nicht einfach entziehen können. Das gilt in besonderer Weise auch für Jägerinnen und Jäger. Sie  arbeiten an einer sensiblen Schnittstelle von Leben und Tod.  

Die Legende ist alles andere als harmlos. Sie steht quer zu einem modernen Lebens- und Zeitgefühl, das für sich in Anspruch nimmt, ohne Gott auskommen zu können. Insofern ist die in diesen Herbsttagen spürbare Aufmerksamkeit für Sankt Hubertus ein mutmachendes Beispiel für lebendige Frömmigkeit. Allerdings lässt sich die Hubertustradition als widerspenstige Erinnerung an Gottes verpflichtende Gegenwart nicht schlüpfrig in eine harmlose Feiertags- und Gedächtniskultur einpassen. Wer sich mit Hubertus beschäftigt, beschäftigt sich anspruchsvoll mit sich selbst; billiger ist Sankt Hubertus nicht zu haben. 

Beschleunigung 

Der Alltag, in dem wir uns in verschiedenen Zusammenhängen zu bewähren haben, ist geprägt von beschleunigten Vorgaben. Vor allem was direkt vor Augen liegt, was dabei schnell erreichbar ist, was ökonomisch verwertbar und damit relevant für Nutzen und Vorteil ist, liegt heute im Fokus kollektiver Aufmerksamkeit. Die Triebkräfte der Gesellschaft speisen sich aus dem Wunsch nach Herrschaft und Vorteil. An den Rand gedrängt werden dabei jene Teile der Schöpfung, die auf Zeiten, Räume und Maßstäbe angewiesen sind, die nicht beherrscht werden können, sondern die erkannt und geschützt werden müssen.  

Das, was wir als zunehmend schwer erträglichen und tendenziell zerstörerischen Umgang mit uns selbst, unserer Mitwelt, unseren Traditionen und Ressourcen erleben, ist der Preis für das „Prinzip Herrschaft“, das die geschöpflichen Eigenrechte und Eigenzeiten der Mitwelt überlagert. Wir haben dort, wo wir uns modern gebärden, den Weg in finstere Zeiten angetreten. Wer wollte bestreiten, dass das Lebensgefühl sich verdunkelt hat? Wer bestreitet noch, dass dieses Lebensgefühl (Bio-Sensus) bestimmt ist von dunklen Empfindungen wie Trennung, Schmerz und Abschied? Viele Menschen leiden an der Erfahrung, dass die allgemeine Beschleunigung der Lebensvollzüge und ihre Verengung auf das Herrschaftsprinzip zum Grundformat des Lebens geworden sind. Im Schatten diesen Leidens wächst die Erkenntnis, dass das „Prinzip Herrschaft“ eine das Leben erfüllende und nach Beziehung suchende Berufung nicht ersetzen kann.  

Beziehung 

In diesen modernen Schmerz hinein spricht die alte Hubertuslegende. Hubertus wird durch eine Gottesvision beziehungsstiftend entschleunigt und sein Leben neu gerahmt. Hubertus findet aus der Tretmühle seiner bis zur völligen Sinnlosigkeit beziehungslosen Jagdleidenschaft heraus. Dabei ist es aber nicht die Jagd an sich, die sein Leben sinnlos machte. Sondern sinnloses Leben ließ auch die Jagd in den Strudel dieser Sinnlosigkeit geraten. Völlig unangemessen sind daher solche Deutungen, die die Abkehr des Hubertus von der Jagd zum Angelpunkt einer allgemeinen Ablehnung der Jagd zu machen trachten. Anders herum wird ein Schuh daraus: Wo das Leben sich sinnlos zeigt, verlieren auch die aus diesem Leben sich ableitenden Taten und Tätigkeiten ihren Sinn. Mit anderen Worten: nur ein sinnvolles Lebens- und Gesellschaftskonzept wird auch eine sinnvolle Bestimmung für ein gutes Weidwerks und anderer Berufe glaubwürdig leisten können.  Hubertus setzt auf einen neuen Lebensentwurf, dessen prägende Symbolik nicht „Herrschaft“, sondern „Beziehung“ lautet.  Hubertus erfährt Berufung. Und er macht diese Berufung fortan zu seinem Beruf.  

Das Faszinierende dieses Heiligen liegt in seiner Erlebnisfähigkeit für Gott trotz totaler Verirrung. Wo Gottlosigkeit als die schlimmste Diagnose gilt, die einem Menschen und einer Gesellschaft widerfahren kann, wird die Erinnerung an die Erlebnisfähigkeit für Gott zur guten Botschaft. Hubertus ist insofern mehr als ein simpler Berufs- oder Schutzheiliger. Der Geist der Legende setzt auf Herzensbildung und Gewissensbildung in ihrer ureigensten Form. Sie setzt Empfänglichkeit für die Frage nach Sinn, Werten und Orientierung. Dabei wird die Hubertuslegende nicht der Grund für einen neuen Glauben. Hubertus ist kein Ersatz- oder Hilfsgott. Die Legende ist vielmehr ein Lied auf das Wissen, dass ein verletztes Leben ohne Gotteskontakt anderes Leben verletzt und gefährlich wird. Es wäre ein grober Fehler, wollte man die Hubertuslegende isoliert in das Zentrum menschlicher Fragen nach gelebter Gottesbeziehung stellen. Die Legende gewinnt ihre Kraft allein aus der Geisteshaltung, die wir in der Bibel aufbewahrt finden. Allein bei der Hubertuslegende zu verharren und sie zum Generalbeistand einer verantwortungsvollen Jägerschaft und Jagd zu erklären, wäre zu wenig. Ohne die Bibel gäbe es keine Hubertuslegende. Und Hubertus ohne die Bibel wäre nichts als ein kraftloses Märchen. 

Bibel entdecken 

Die Bibel hat für uns Jägerinnen und Jäger viel zu bieten. Neben den „big storys“, denen wir in Hubertusgottesdiensten häufiger begegnen (Schöpfungslied, Psalm 104 etc.), gibt es kleine Edelsteine des geistlichen Wissens. Ein solcher Edelstein findet sich im 3. Buch Mose (Kapitel 17, Verse 1-9). Da wird von einer Vorschrift erzählt, nach der von jedem getöteten Tier ein Stück Fett als Brandopfer vor Gott gebracht werden soll. Dieses Opfer soll allerdings nicht auf irgendwelchen Nebenaltären der Hirten und Jäger vollzogen werden, sondern an zentralem heiligem Ort.   

Es sind auch noch heute gewichtige Gesichtspunkte, mit denen diese Opfervorschrift begründet wird, auch wenn der Kultus an sich als ausgestorben gelten darf. Es geht um den Wert des Lebens. Auch tierisches Leben soll nicht besinnungslos verbraucht werden. Es soll nicht im Strudel einer sich beschleunigenden Fresssucht des Menschen unter die Räder kommen. Tiere sind als lebendige Geschöpfe Teil der großen Gemeinschaft. Sie haben Anspruch auf Achtsamkeit und Bedeutung. Sie sind nicht wesen- und rechtlos. Und als Mitgeschöpfe sind sie nicht einfach „um die Ecke zu bringen“.  Sich vom Leben eines Tieres zu nehmen, erlaubt keine Belanglosigkeit. Wo Menschen Tiere (be)nutzen, da berühren sie ein Gottesrecht.  

Ein Umgang mit Mitgeschöpfen, der sich dabei selbst schnelle Entschuldigung und Rechtfertigung am Nebenaltar eines bedeutungslosen „Feldteufels“ (so die Lutherausgabe bis 1912) abholt, wird als gottlos und unwürdig verworfen. Das einverleibte Leben ist zu wertvoll, als dass es namenlosen Nebengöttern zum Fraß vorgeworfen werden dürfte. Der Eingriff in das Lebensrecht der Mitwelt erwartet einen besonnenen und entschleunigten Akt. Allein die Priester des zentralen Heiligtums sind die gerechte Instanz für das geforderte Opfer.  

Verblüffende Verwandtschaft 

Diese Kultvorschrift im Mosebuch weist eine verblüffende Verwandtschaft zur Hubertuslegende auf. Gott wird zum ethischen Orientierungspunkt für den Alltag. Der durch unser Leben schwirrende Fundamentalwahn, wir Menschen könnten uns autonom (selbstgerecht) verhalten, wird vor dem Schöpfergott zur irrigen Phantasie. Wo Polkappen schmelzen, Dürren und Überflutungen sich in den Nachrichten die mediale Klinke in die Hand geben, wo Klimawandel und der Krieg um Rohstoffe toben, dort klopfen die finsteren Geister solcher Lebenshaltung ans globale Fenster. Wo der Mensch sich seiner Beziehungen wahnhaft entledigt hat, indem er sich den bionomischen Grundlagen entzog, erntet er jetzt eine Regellosigkeit, die ihn und die Mitwelt als Trümmerhaufen zurücklassen wird.  

Keine Naivität 

Weit weg sind solche biblischen Entdeckungen allerdings von der naiven Forderung, der Tod selbst könne aus der Welt geschafft werden, wo ein Leben ohne Leiden nur gewollt wäre. Todesfreiheit gilt weder für Menschen noch für Tiere. Der unüberbietbare Frieden, den das Alte Testament mit dem Schalom weist, wo der Tod seine Funktion und der Schmerz seine Opfer nicht mehr kennt, ist allein Gottes Tat. Der Mensch sollte sich nicht einbilden, er könne die Schöpfung an diesem Punkt reparieren und verbessern. Allerdings steht eine gepflegte Erlebnisfähigkeit für Gott jedem leichtsinnigen Tod und Töten im Wege. Jagd und Nutztierhaltung, Fischerei und Schlachterei sind immer auch an die Frage gebunden, wo sie vermieden werden können. Insofern ist die ethische Frage nach einer verantwortungsvollen und gesellschaftsdienlichen Jagd nicht allein mit der Frage nach einer effektiven Jagdkunst zu beantworten, sondern geht über in die Frage, wie der Mitkreatur ein langes Leben ermöglicht werden kann. Allein aus dem übergeordneten Lebensrecht lässt sich so etwas wie eine Erlaubnis zum Töten von Tieren ableiten, nicht umgekehrt. So wird die an Hubertus ablesbare Erlebnisfähigkeit für Gott vor jedem Schuss zum Prüfstein. Und wer am erlegten Wild nicht sagen kann, dass der konkrete Tod in einem geprüften und auch sozial belastbaren Sinnganzen sein Zuhause hat, bleibt ethisch und moralisch auf der Strecke.  

Der Mosetext ist ein echter Hubertustext, der uns Jägerinnen und Jägern zum wahren Brauchtum, d.h. „zum Gebrauch“ dienen sollte. Er gipfelt in der Frage, ob ich mit dem von mir erlegten Wild den Gang ins Heiligtum wagen kann. Oder ob mein Erfolg lediglich Fraß für einen gnadenlosen Feldteufel geliefert hat, dessen Gelächter mir mein Versagen offenbart. Es ist zu hoffen, dass unsere diesjährigen Hubertusgottesdienste an diesem Punkt nicht zu seicht  werden.

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